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Tanz mit dem Wind, eine Ballonfahrt in Kappadokien
von Peter Kaiser/Antalya

Zuerst eine kleine Eingangsbemerkung: Auch wenn in Deutschland fälschlicher Weise immer von einer Ballonfahrt über Kappadokien in der Türkei gesprochen wird, es ist definitiv nicht richtig. Ein Ballon fährt nicht, er fliegt! Wirklich!

 

Morgenstund‘ hat Gold im Mund

Das schrille Klingeln des modernen Telefons in der alten osmanischen Herberge riss mich jäh aus dem Tiefschlaf. Es war 4 Uhr 30, Zeit aufzustehen. "Was hast du dir da bloß angetan?" fragte ich mich.

Nachdem ich die letzte Hälfte von mir aus dem Bett gezogen hatte, nahm ich ein wohltuendes heiß/kaltes Duschbad und schon sah die Welt anders aus. Zwischenzeitlich kochte mir die kleine Kaffeemaschine im Zimmer zusätzlich einen guten Kaffee; etwas Kaffeeweißer und Zucker hinein, umgerührt und an die Melitta Reklame im Fernsehen gedacht. Wie gut doch so ein Kaffee sein kann! Nun war ich wach genug, hörte sogar das Krähen der Hähne draußen und empfand es als sehr angenehm, beim Anblick der langsam am Horizont aufgehenden Sonne noch etwas zu träumen.

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Es waren nur noch wenige Minuten, bis der Transferbus der "Fluggesellschaft" von Cloude 9 um die Ecke bog und mich mitnahm. Die Fahrt ging nach Göreme zum Büro der Cappadokyaballons. Man glaubt nicht, wie viele Leute sich für einen Ballonflug über Kappadokien (Türkei) angemeldet hatten. Alle wurden gut versorgt, es gab für alle Frühaufsteher einen kleinen Snack in Form von Keksen, Tee und Kaffee. Keiner hatte um diese Uhrzeit sein Frühstück zu sich nehmen können.

Die große Frage
Jetzt nahm einer der Piloten vor dem Office einen schwarzen Luftballon, füllte ihn mit Heliumgas und ließ ihn mit erhobenem Arm los. Es wurde spannend. Von diesem Moment an starrten alle in den Himmel, die Augen waren wie magnetisiert und verfolgten ununterbrochen die Fluglinie des Ballons, bis er nicht mehr zu sehen war. Wohin wird der Wind ihn treiben?


 

Die Antwort auf diese Frage führte dann genau zu dem Startplatz unseres heutigen Fluges.

Nun wurden alle Mitarbeiter emsig. Es fuhren vier mächtige Jeeps vor. Die Anhänger der Körbe wurden an die Vehikel gehängt und los ging es. Der Konvoi setzte sich in Richtung Osten in Bewegung. Die Profis wussten jetzt schon genau, wo wir starten und wo wir voraussichtlich landen würden. Für den Ballonflug ist die Thermik und der relativ schwache Wind am frühen Morgen sehr wichtig, was auch das frühe Aufstehen erklärt. Ich sollte es jedenfalls nicht bereuen.

    

Wie kommt die Luft in den Ballon?
20 Minuten später erreichten wir unseren Startplatz. Die Jeeps verteilten sich sternförmig auf dem hügeligen Gelände und die einzelnen Teams begannen, die riesigen bunten Ballons, die wie lange Würste aus dem Guinness Buch der Rekorde auf der Wiese lagen, an die Körbe zu hängen. Das war schon ein imposanter Anblick.

Nun kam ein Monster von Ventilator zum Einsatz. Angetrieben von einem rasenmäherähnlichen Benzinmotor begann er, Luft in die geöffneten Ballons zu wirbeln. Es dauerte eine Weile, schließlich passen ca. 6.000 Kubikmeter Luft in den Ballon. Gleichzeitig wurde mit einem großen Gasbrenner die frisch eingewirbelte Luft erwärmt.

Die Geräusche des Brenners waren mit denen eines Learjets zu vergleichen, der zum Starten über die Startbahn rollt. In der Nähe des Brenners wurde es dadurch auch angenehm warm in der noch etwas kühlen Morgenluft.

Langsam erhoben sich die Kopfenden der Ballons gen Himmel. Unser Pilot, der Schwede Lars, unternahm noch einen kleinen Ausflug in’s Innere seines Ballons und inspizierte Hülle und Steuerseile. Majestätisch erhob sich der Ballon von der Wiese, fast senkrecht stand er schon da. Noch etwas "unterernährt" zwar, aber man sah wie seine Hülle stetig an Umfang zunahm. Dass ein Ballon ein Abfluggewicht von bis ca. rd. 2,5 Tonnen hoch hieven konnte, das war für mich auch eine neue Erfahrung.

Groß war er, riesig groß. Er erinnerte mich irgendwie an das Märchen, wo der Geist aus der Flasche kam.

Die Passagiere, eine Gruppe Japaner, wurden schon ganz nervös. Liefen hin und her und knipsten mit Ihren Kameras, was ihnen vor die Linse kam. Ihre Freude auf den bevorstehenden Flug konnte man nicht übersehen.

Jetzt erfolgte eine kurze Erklärung für die Passagiere, eine Sicherheitsanweisung für das Verhalten im Fall einer normalerweise nicht zu erwartenden "harten" Landung. Die Stimmung war sehr gut, trotz des noch sehr jungen Tages.

Die Zeit ist reif
Nun wurde es langsam Zeit. Unser Ballon hatte seine volle Dimension erreicht, wir mussten einsteigen. Zehn Personen und unser Pilot Lars. So früh am Morgen hatten die etwas kurz geratenen Japaner so ihre Probleme beim Einsteigen in den Korb. Ihr Einstieg war mehr ein "reinschieben" von draußen, als ein selbstständiges Erklimmen der "Kabine". Nun standen wir alle nebeneinander im Korb, der aus Sicherheitsgründen in drei Bereiche unterteilt ist. Zwei für die Passagiere und einer für die ganzen Gasflaschen und den Piloten.


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Die Piloten hatten vereinbart im Verbund zu fliegen, somit müssten alle Ballons fast zur gleichen Zeit aufsteigen. Pilotin Kaili, Ehefrau von Lars, hob gerade ab und rief laut in das Tal "see you and bye bye." Die Gasbrenner ihres Ballons standen gerade unter Volllast, um ihr "Fluggerät" ohne Blessuren über die erste steile Bergwand zu hieven. Langsam glitt sie auf und davon. Ein traumhafter und gleichzeitig zauberhafter Moment.

Wir heben ab
Langsam zog sich auch bei unserem Ballon das Halteseil straff, das mit dem Jeepgefährt befestigt war. Es war das Zeichen für unseren Aufstieg, die Luft im Ballon war heiß genug. Das Seil wurde gelöst, Lars gab Vollgas, verlangte in diesem Moment noch einmal alles von den Gasbrennern. Er musste die Luft im Ballon noch reichlich "nachheizen", damit wir auch über die steile, vor uns liegende Bergwand hinwegkamen, denn erst die physikalischen Gesetze der warmen Luft bringen den Ballon in die Höhe. Der Abstand zum Jeep am Boden wurde immer größer, das Bodenpersonal winkte uns zu und wünschte uns einen gute Flug. Der Jeep reduzierte sich auf ein Auto im Matchbox-Format. Wir fliegen! Der leichte Westwind ließ uns dann dem gleichen Weg folgen, auf dem auch schon der Ballon seiner Frau Kaili war.

Mittlerweile war es schon 6 Uhr 40. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch, war aber schon voll aufgegangen und begann uns mit Ihren Strahlen etwas zu wärmen.

Wäre ich an diesem Morgen nicht so früh aufgestanden, hätte ich eines der schönsten Erlebnisse in meinem Leben in der Türkei versäumt!

 

Brenner aus!
Nun kehrte Ruhe ein, die Brenner hatten ihre Arbeit verrichtet und flackerten nur mit einer kleinen, nicht hörbaren, Bereitschaftsflamme weiter. Unbeschreiblich das Erlebnis und das Gefühl geräuschlos mit dem Wind dahin zu gleiten. Für mich war das eine völlig neue Dimension.

Zwischenzeitlich hatte ich mit Lars eine Diskussion. Es ging um den Ausdruck "Ballon fahren!". Lars meinte: "Alles Quatsch, nur die Deutschen benutzen diese falsche Formulierung! Ein Ballon kann genau so wenig fahren, wie ein Auto fliegen kann! Er fliegt wie ein Segelflugzeug. In der ganzen Welt wird ein Ballon geflogen". Eigentlich hat er Recht. Schließlich bin ich ja auch sein Passagier im Ballon und wir fahren nicht, sondern wir fliegen! Wieder was dazu gelernt.

Zwei Zentimeter sind genug
Nun waren alle vier Ballons in der Luft, alle in der gleichen Gleitgeschwindigkeit. Unter uns lag eine Obstplantage, nur wenige Meter über den Apfelbäumen schwebten wir dem ersten Tal entgegen. Der erste Ballon vor uns ließ schon warme Luft ab, um in das Tal hinab zu sinken. Auch Lars begann die rote Leine zu ziehen, die am oberen Ende des Ballons ermöglicht, dass die warme Luft entweichen kann und so der Ballon in den Sinkflug gerät. Die Wipfel der Bäume kamen immer näher, man konnte schon die Äpfel erkennen. Nur noch wenige Zentimeter und das Tal war noch lange nicht erreicht. Mir wurde etwas mulmig und ich rief Lars zu: "Achtung, wir haben nur noch ca. einen halben Meter unter uns!" Er lachte und sagte gelassen und souverän: "Zwei Zentimeter sind genug Peter, don't worry!"

    

Er behielt recht und langsam sank unser Ballon auch in das Tal hinab. Wie in einem gläsernen Fahrstuhl an der Außenfassade eines Nobelhotels in Las Vegas. Wir schwebten entlang an alten Felsenkirchen und Höhlenwohnungen, die in den weichen Tuffstein der Erhebungen gehauen wurden. Jeder der Passagiere war sprachlos und beeindruckt zugleich.

Ein Griff nach oben und Lars gab mitten im Tal wieder Vollgas um an Höhe zu gewinnen. Höhe, die uns über den nächsten Berg liften sollte.

Nach zehn Jahren Ballonfliegen in Kappadokien ist Lars ein absoluter Profi. Bei ihm sitzt jeder Handgriff und ständig hält er wachsam Ausschau nach Wind, Landschaft und nach den anderen Ballons, mit denen er im ständigen Funkkontakt stand. Ich würde ihm immer wieder mein Leben anvertrauen. Meine Bedenken hatten sich wahrlich in Luft aufgelöst.

    

Flugtechnik
"Der Ballon kann nur rauf und runter gesteuert werden und ich kann nur eine Links- und Rechtsdrehung vornehmen," sagte Lars, "alles andere macht der Wind." Die Flamme des Gasbrenners muss immer vor dem Wind geschützt werden, damit sie nicht die Hülle des Ballons verbrennt. Aus diesem Grund sind die Links- und Rechtsdrehungen sehr wichtig. Deswegen muss der Korb ständig gedreht werden, damit der Pilot immer von der hinteren Position aus nach vorne alles überblicken kann. Dazu gibt es dann das blaue und das grüne Seil, das dann bei Bedarf einfach gezogen wird.

Ein schöner Anblick links aus dem Korb. Alle Ballons glitten auf gleicher Höhe sanft durch den Wind, wie von Zauberhand geschoben. Der Schatten unseres Ballons bewegt sich elegant über die felsige Landschaft, wie ein großes Stück dunklen Kartons, mit dem man etwas bedecken will.

Nun überfliegen wir eine Reihe hoher und schlanker Pappeln. Lars zeigt uns nun seine ganze Kunst. Nur eine Hand breit über den Baumkronen steuert er den Ballon hinweg, zieht gleichzeitig wieder die rote Leine und lässt den Korb unseres Ballons den letzten Baum seitlich streifen. Dann sinken wir weiter in das nächste Tal, voller spitzer Feenkamine. So heißen die Gebilde, die sich durch tausende von Jahren durch Eruption gebildet haben. Felsenkirchen und Höhlenwohnungen begleiten unseren Weg.

Blumen für die Damen
Ich dachte Lars macht Spaß, als er sagte: "gleich kommen Blumen für die Damen!" Aus Spaß wurde ernst. Über die nächste Anhöhe flogen wir mit dem Ballon so dicht, dass wir die bunten Feldblumen im Flug übernehmen konnten, die uns einer von der Bodencrew gepflückt hatte und uns nun während des Fluges entgegenhielt. Ein Griff, die unerwartete Blumenpracht entwickelte ihr Wirkung. Unsere Japanerinnen waren vor lauter Freude ganz aus dem Häuschen. Ein Mann aus dem Land der aufgehenden Sonne wollte seine Frau mit den Blumen in der Hand aus einer etwas merkwürdigen Position fotografieren. Das Bild wird er leider nie sehen können, denn ihm ist seine Kamera "über Bord" gegangen und am Boden zerschellt. So fordert auch der Herr der Winde seinen Tribut.

Es ging ständig rauf über die Berge und Anhöhen und wieder runter in die Täler. Manchmal so dicht und nah über den Boden, dass man während des Fluges hätte aus- und einsteigen können.

Nach einer guten Stunde in der Luft sollte es nun leider langsam zum Ende kommen. Im Zielgebiet für unsere Landung konnte man schon die Gespanne der Jeeps und Anhänger ausmachen. Wind und Höhe waren richtig abgestimmt, die Trimmung des Ballons passte auch. Lars war der Meinung, dass es ihm gelingen würde, den Korb direkt auf den Anhänger seines Jeeps aufzusetzen.

 

Die Erde hat uns wieder
Er hat wieder mal Recht behalten. Als wenn unsichtbare Kräfte mitgeholfen hätten, Lars setzte den Ballon punktgenau auf seinem Anhänger auf. Bravo! So können wirklich nur Vollprofis arbeiten, die ihr Handwerk 100%ig beherrschen.

Die Japaner grinsten Lars an und begannen gleich ein Klatschkonzert, die Erde hatte sie wieder. Jetzt begann die Bodencrew den Ballon zu sichern. Alle Seile mussten schnell mit dem Fahrzeug verbunden werden, während Lars mit all seinen Kräften die warme Luft aus dem Ballon ließ, um einen neuen Auftrieb zu verhindern.

In wenigen Minuten wurde aus dem vorher so mächtigen und prallen Ballon ein schlaffes Stück Tuch, das am Ende ganz sacht zu Boden fiel. Während ein Teil der Mannschaft sich um das Verpacken der Ballonhüllen und Verladen der Körbe beschäftigte, sorgte ein anderer Teil für den Aufbau einer kleinen Sektbar. Gemeinsam wurde auf den tollen Flug und die grandiose Landung angestoßen.

Eines meiner schönsten Erlebnisse war leider zu Ende – oder vielleicht doch nur unterbrochen?

Jedenfalls steht für mich eines fest. Wann immer sich mir die Gelegenheit bietet, werde ich garantiert wieder mit einem Heißluftballon in die Lüfte entschweben. Ballonfliegen macht süchtig!

 


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