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Esskultur in der Türkei
Essen wird in der Türkei
sehr ernst genommen. Es ist für die Familienangehörigen
unvorstellbar,
alleine oder „nebenbei“ zu essen oder den Kühlschrank zu plündern,
wenn man noch andere im Haus sind.
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Es ist Sitte, dass
pro Tag drei Mahlzeiten „im Sitzen“ eingenommen werden. Das
typische Frühstück oder Kahvalti (zusammengezogen aus "kahve alti"
= Grundlage für den Kaffee) besteht aus Weißrot, Schafskäse,
Oliven und Tee.
An vielen Arbeitsplätzen ist das Servieren des Mittagessens als
eine der Sozialleistungen vertraglich festgelegt. Das Abendessen
beginnt, wenn alle Familienmitglieder zusammen gekommen sind und
bei Tisch über die Ereignisse des Tages sprechen.
Das Menü besteht aus drei oder mehr Gerichten, die nacheinander
gegessen werden. Als Beilage gibt es Salat. Im Sommer wird das
Abendessen ungefähr um 20 Uhr serviert. Nahe Verwandte, gute
Freunde oder Nachbarn sind bei diesen Mahlzeiten spontan
willkommen.
Offizielle Gäste werden lange vorher eingeladen, weil aufwendige
Vorbereitungen zu treffen sind. Die Speisenfolge richtet sich
danach, ob alkoholische Getränke serviert werden oder nicht. Wenn
ja, werden die Gäste die Meze bereits auf dem Tisch vorfinden, der
oft im Sommer im Garten oder auf dem Balkon gedeckt wird.
Der Hauptgang wird einige Stunden später serviert. Ansonsten fängt
das Abendessen mit einer Suppe an, dann wird der Hauptgang
aufgetragen, der aus Fleisch und Gemüse besteht und mit Salat
gegessen wird. Anschließend werden mit Olivenöl zubereitete
Speisen serviert, danach das Dessert und Früchte. Während der
Tisch abgeräumt wird, ziehen sich die Gäste zu Tee und Kaffee ins
Wohnzimmer zurück.
Hausfrauen treffen sich in regelmäßigen Abständen (welche als die
„7-17 Tage“ bezeichnet werden) mit ihren Freundinnen und
Nachbarinnen nachmittags zum Tee.
Diese Treffen sind sehr aufwendig, und die Gastgeberin wartet mit
mindestens einem Dutzend verschiedener Arten von Kuchen, Gebäck,
Knabbereien und Börek auf. Der wichtigste Grund für diese
Zusammenkünfte ist die Weitergabe von Informationen und
Erfahrungen unter allen privaten und öffentlichen Aspekten des
Lebens. Immer dabei ist der Austausch von Kochrezepten. Wenn sich
die Damen über eigene Kreationen und die Bewältigung kulinarischer
Herausforderungen unterhalten, kommen lebhafte Diskussionen
zustande.
Man muss wissen, dass die Einstellung nach dem Motto „egal was,
Hauptsache, man kann es essen" in einem türkischen Haus nicht
existiert. Der Gastgeber ist dafür verantwortlich, dass es gut und
reichlich zu essen gibt, und er erwartet dasselbe, wenn er
eingeladen ist. Bei zwei Gelegenheiten gibt es keinen "Gastgeber"
im eigentlichen Sinne des Wortes.
Eine dieser Situationen ist dann gegeben, wenn die Nachbarn
zusammen große Mengen an Wintervorräten zubereiten, wie zum
Beispiel „Tarhana“ (getrockneter Joghurt mit Tomaten, ein
Suppenpulver) oder Nudeln.
Die zweite tritt bei einem gemeinsamen Ausflug mit Picknick ein.
Schon lange vorher wird abgesprochen, wer für Köfte, Dolma, Salat,
Reis, Fleisch, Getränke und Obst zuständig sein wird. „Mangal“
(Holzkohlengrill), Kelims, Hängematten, Kissen und
Musikinstrumente wie Saz (türkische Folklore Gitarre) und oder
Geige und der mit Holzkohle betriebene Samowar ist bei einem
Picknick obligatorisch.
Dieses aufregende Ereignis kann natürlich nicht mit einem normalen
Ausflug verglichen werden, und so umschreibt man es im allgemeinen
auch mit den Worten „dem Schicksal einen Tag stehlen“. Wie uns in
vielen Liedern überliefert wird, waren Kücüksu, Kalamtis und
Heybeli im alten Istanbul typische Ziele solcher Ausflüge, ferner
die Meram-Weinberg in Konya, der Hazer-See in Elazig und die Insel
Bozcaada gegenüber von Canakkale.
Das Gedenken an die beiden
Heiligen Hizir und Ilyas (die Unsterblichkeit und Überfluss
symbolisieren) und das Frühlingsfest (Hidirellez) am 5. Mai sind „Safa“
(Vergnügen) und läuten den Beginn der freudvollen Jahreszeit mit
romantischen Begegnungen, Gedichten, Liedern und natürlich gutem
Essen ein.
Ein „Safa“ war früher auch der wöchentliche Badetag, an dem man
mit dem am Vortag zubereiteten Essen, sauberen Kleidungsstücken,
Hand- und Badetüchern und wohlriechender Seife ins Türkische Bad
ging, wo man den ganzen Tag mit Waschen, Essen, Ausruhen und
Plaudern verbrachte. Der Morgen verging mit Baden, dem herrlichen
Abrubbeln des Körpers und Massage, nachmittags ließ man sich auf
den Ruhebänken nieder. Heute sind zumindest in der Großstadt
solche Veranstaltungen der Muße jedoch fast völlig verdrängt von
der Hektik des modernen Lebens.
Man versucht jedoch immer noch, dem Schicksal zumindest einmal im
Jahr einen Tag zu stehlen. Das Einpacken des Essens für Ausflüge
ist so sehr in der Tradition verwurzelt, dass manche Mutter selbst
heute noch ein paar Köfte, Dolma und Börek ihrem Kind für die
Flugreise einpackt, was insbesondere auf Langstreckenflügen zur
Erheiterung der Passagiere und Irritation der Flugbegleiter
beiträgt, aber bei der Qualität des Essens in den Flugzeugen, gar
keine schlechte Idee ist.
Hochzeiten, Beschneidungen, Geburten werden festlich begangen. In
Konya werden bei einem Hochzeitsfest sieben Gänge aufgetragen,
beginnend mit einer Suppe, gefolgt von Reis, gegrilltem Fleisch,
Dolma und Salat, Börek und meistens Gries-Helva.
Das Festmahl
endet mit Okra, die mit Tomaten, Zwiebeln, Butter und viel
Zitronensaft zubereitet sind und ist, mit einigen Varianten,
typisch für Anatolien. Am Morgen nach der Hochzeit schickt die
Familie des Bräutigams der Familie der Braut Holzschüsseln, die
mit Baklava gefüllt sind.
An Festtagen wird von allen erwartet, dass sie jedem Bekannten und
Freund in der Stadt einen kurzen Besuch abstatten. Diese Besuche
werden unverzüglich erwidert. Drei oder vier Tage werden damit
verbracht, von Haus zu Haus zu gehen, so dass genügend Essen
vorbereitet werden muss, damit es für die Dauer der Besuche
reicht.
Küchen und Vorratskammern quellen an solchen Tagen über vor lauter Börek, Dolma und Pudding, die ohne große Vorbereitungen auf den
Tisch gebracht werden können.
Auch ein Todesfall ist eine Gelegenheit, um zu kochen und das
Essen miteinander zu teilen. In diesem Falle sind es die Nachbarn,
die die Speisen zubereiten und sie der trauernden Familie an den
drei auf den Todesfall folgenden Tagen bringen.
Im Haus des Verstorbenen wird nur Helva zubereitet und an die
Trauergäste und Nachbarn verteilt, damit sie des Toten „süß“
gedenken.
In einigen Landstrichen ist es gebräuchlich, dass ein guter Freund
des Verstorbenen damit beginnt, Helva zuzubereiten und dabei von
den glücklichen Tagen und Ereignissen mit ihm erzählt. Dann wird
der Kochlöffel an die nächste Person weiter gereicht, die mit dem
Umrühren des Helva und dem Erzählen fort fährt.
Wenn die Süßspeise fertig ist, hat in der Regel jeder Anwesende
einmal Gelegenheit zu einer glücklichen Erinnerung an den Toten
gehabt Diese wunderbar einfache und rührende Zeremonie nimmt der
Trauer für einen Augenblick die Schwere und stärkt das Band
zwischen den Hinterbliebenen.
Textquelle: Ministerium für Tourismus und
Kultur, ergänzt und überarbeitet von Peter Kaiser
Bildmaterial: Ministerium für Tourismus und Kultur unteren vier Bilder, Peter Kaiser,
erstes Bild
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