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Die Speisen individuell und materiell
gesehen
Essen und Fasten haben in
allen Regionen über alle Zeiten hinweg immer eine wichtige Rolle
gespielt.
Ebenso spielen Bräuche und Sitten eine große Rolle bei der
Nahrungsaufnahme.
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Dem Islam kommen
dabei möglicherweise die meisten und strengsten Regeln zu. In der
Praxis wurden diese Regeln mitunter umgedeutet und den regionalen
Gepflogenheiten angepasst. Das war besonders in der Türkei der
Fall, wo es schwer fällt, einen strenggläubigen Moslem zu finden.
In Anatolien, wo eine Vielzahl von Sufi-Orden entstanden ist, hat
das Essen eine spirituelle Dimension gewonnen, die sich über
"trockene" religiöse Anforderungen erhebt. Dies äußert sich in
Poesie, Musik und Bräuchen. Es scheint paradox, dass der
Fastenmonat Ramadan, bei dem alle gläubigen Muslime von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken dürfen,
auch ein Monat der Feste und der mildtätigen Speisung der Armen
ist. Das Fasten dient zur Reinigung des Körpers und der Seele. Der
Tag wird mit der Vorbereitung des Essens verbracht, mit dem man
nach Sonnenuntergang das Fasten unterbricht.
Traditionell nimmt man zum Fastenbrechen zuerst „Himmelsnahrung“
in Form einiger Oliven oder Datteln und einiger Schlucke Wasser zu
sich. Darauf folgen das Abendgebet und schließlich das
Hauptgericht. Früher pflegte man den Rest der Nacht mit Spielen,
Besuchen und Gesprächen zu verbringen oder sich ein Theater oder
Kabarettprogramm anzusehen, bis es an der Zeit war, noch einmal zu
essen, bevor Böllerschüsse oder Trommelwirbel den Sonnenaufgang
und damit den Beginn des nächsten Fastentags anzeigten.
Der Arbeitstag im Fastenmonat begann um 12 Uhr, bis dahin ruhte
oder schlief man.
Den Fastenmonat beendet ein dreitägiges "Zuckerfest", an dem sich
Freunde und Verwandte besuchen und beglückwünschen, wobei
Süßigkeiten aller Art angeboten werden.
Das Opferfest - Kurban Bayram - ist das höchste islamische Fest.
Es dauert vier Tage und fußt auf Abrahams Bereitschaft, seinen
Sohn Ismael Gott zu opfern, der jedoch Gnade walten ließ und
Abraham anstelle von Ismael einen Widder auf den Opferaltar gelegt
hat.
Das Tieropfer - in der Türkei üblicherweise ein Schaf oder eine
Ziege - symbolisiert Bußfertigkeit und das Versprechen, Gutes auf
Erden zu tun. Das Fleisch wird unter den Nachbarn und an
Bedürftige verteilt. Das Schaf wird als das Geschöpf Gottes
verehrt, das sein Leben für einen höheren Zweck gibt. Das
Henna-Zeichen auf dem Schaf soll diese Achtung symbolisieren,
ebenso die rituelle Schlachtung. Man glaubt, dass eines dieser
Opfertiere den Gläubigen am jüngsten Tag über eine „haarfeine und
rasiermesserscharfe Brücke“ in den Himmel tragen wird.
Bestimmte Nahrungsmittel spielen auch bei Gedenken an manche
Propheten und in den sechs heiligen Nächten "Kandil", zu denen
wichtiger Ereignisse im Leben des Propheten Mohammed gedacht wird,
eine Rolle.
Dabei wird spezielles Gebäck, Brot und Lokma gereicht.
Zu „Muharrem“, etwa einen Monat nach dem (jährlich zeitversetzen)
Opferfest, gedenkt man dem Ende der Sintflut mit „Asure“ (Noahs
Pudding), den Noahs Frau aus allen auf der Arche noch verfügbaren
Essensresten wie getrockneten Beeren, Hülsenfrüchten und Nüssen
erstmals gekocht haben soll. Man kann diesen äußerst nahr- und
schmackhaften Pudding übrigens in einigen Muhabelli-Geschäften
kaufen. Mittlerweile gibt des Asure auch schon als Instantmischung
im Supermarkt. Einfach heißes Wasser dazu, umrühren, kalt werden
lassen und genießen. Es schmeckt sogar nicht schlecht.
Das Fest des Propheten Zacharias wird gefeiert, wenn der Wunsch
eines Menschen in Erfüllung gegangen ist. Bei diesem Fest werden
den Gästen einundvierzig verschiedene Arten von Trockengerüchten
und Kernobst serviert. Es werden Gebete gelesen und jeder probiert
einmal von jeder Sorte des Knabberzeugs. Anschließend darf ein
Gast eine Kerze anzünden und sich etwas wünschen. Wenn der Wunsch
in Erfüllung geht, ist er verpflichtet, wieder ein
"Zacharias-Fest" auszurichten.
Neben diesen Bräuchen finden sich im ganzen Sufismus Beispiele für
eine spirituelle Tradition, die von Essensmetaphern durchdrungen
ist, insbesondere in der Poesie von Mevlana Celaleddin Rumi sowie
in den klassischen Versen der türkischen Poesie und Musik.
Tatsächlich wäre es unmöglich, die volle Bedeutung dieser
spirituellen Tradition zu verstehen, ohne um das Verhältnis von
Wein und Rausch, Kochen und Essen zu wissen.
Mevlana, der im 13. Jahrhundert in Konya gelebt hat, hat als ein
Vertreter der Sufi-Lehre mehr der Liebe und Toleranz denn der
Gelehrsamkeit auf dem Wege zur Vereinigung mit Gott den Vorrang
gegeben. Wie bereits erwähnt, folgten die Nahrungsmittel-Gilden
und die Janitscharen ebenfalls den Geboten des Sufi-Ordens.
Ein philosophischer Streit über das Essen wird von dem
französischen Küchenchef der Kaiserin Eugenie erzählt, der in der
Küche des Sultans die Zubereitung eines Auberginengerichts
erlernen sollte. Es dauerte nicht lange, da bat er, von dieser
unmöglichen Aufgabe befreit zu werden, da der türkische Küchenchef
alle seine Bücher und Messbehälter aus dem Fester werfe, weil „ein
Küchenchef des Kaisers mit Gefühl, Geruch und Augenmaß kochen
müsse“ - mit anderen Worten: mit Liebe!
Sufismus wird eher mit Askese assoziiert als mit Schlemmerei.
Dennoch nimmt die Nahrung einen wichtigen Platz ein. Die Anhänger
des Ordens hatten am Anfang in den großräumigen Küchen der
Derwischklöster die niedrigsten Dienste zu verrichten.
Nach tausend und einem Tag war der Novize „gar gekocht“ und wurde
ein vollwertiges Mitglied der Bruderschaft. "Gar gekocht" ist
gleichbedeutend mit spiritueller Reife. Vielleicht hat die
türkische Tradition, alles so lange zu kochen, bis es weich und
gut ist, etwas mit dieses Assoziation zu tun. Ein dem
italienischen „al dente“ entsprechendes türkisches Wort gibt es
nicht.
Die Geschichte des Mevlana von der Kichererbse ist ein schönes
Beispiel für diesen Gedanken. Als das tapfere Gemüse im kochenden
Wasser liegt, regt sich Mitleid bei der Köchin. Sie erklärt der
Kichererbse, dass dies notwendig sei, damit sie von Menschen
gegessen werden könne, Teil des menschlichen Lebens werde und so
eine höhere Form des Seins erreiche.
Das Gleichnis bezieht sich auf die Qualen der menschlichen Seele
vor dem Erreichen der göttlichen Liebe.
Der Bauer, der zum ersten Mal Helva isst, symbolisiert die
Entdeckung der Göttlichen Liebe durch den Derwisch. Es gibt auch
das Bild, wie Gott selbst Helva für die wahrhaften Derwische
zubereitet.
In diesem besonderen Vers wird das ganze Universum als eine
riesige Pfanne mit den Sternen als Köche gezeichnet! In anderen
Versen wird beschrieben, dass der Geliebte (Gott) so würzig wie
Salz sei und „Lippen aus Zucker“ habe. Die Reifung der
menschlichen Seele wird mit der des Weines verglichen: „die
schwere Prüfung währt, solange der Rebensaft sauer ist“.
Dem Wein werden viele mystische Bedeutungen zugesprochen. Das Wort
„Taverne“ bezeichnete ursprünglich ein Sufi-Hospiz. Die Erfahrung
der göttlichen Liebe wird als „Rausch“ beschrieben.
Dieser spirituelle Hang ist auch in der heutigen Türkei, wo Essen
und Trinken unter rezitieren mystischer Verse genossen wird,
weiterhin lebendig. Diese Zusammenkünfte bieten den Menschen die
Möglichkeit, sich von irdischen Belangen zu distanzieren und sich
der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits hinzugeben.
Textquelle: Ministerium für Tourismus und
Kultur, ergänzt und überarbeitet von Peter Kaiser
Bildmaterial: Ministerium für Tourismus und Kultur
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