Der Abend hatte schon so
merkwürdig angefangen. Am Buffet kam ein junger Mann zu mir und meinte, die
Pfeffer-Soße stehe unter Strom. Grinsend ging ich zu besagtem Objekt und
sah, dass schon einer unserer Tauchlehrer gerade überrascht die Kelle fallen
ließ, um mich ungläubig anzustarren. Kurz vorher hatte es geregnet, was im
August ungefähr so wahrscheinlich war wie eine Sonnen-Finsternis und deshalb
jeder zum Himmel sah und glaubte, das Ende der Welt sei angebrochen. Ein
paar Tropfen waren in die Zuleitungs-Stecker der elektrischen Heiz-Einheit
gekrochen, um dann den gesamten Topf der Soße unter Strom zu stellen. Tja,
war halt 'ne feurige Delikatesse. Alles Inklusive.
Anschließend berichtete
mir jemand über eine Dame, die mitten im Haupt-Restaurant und zwischen den
gedeckten Tafeln ein Plastik-Töpfchen rauskramte, ihr Kind darauf setzte,
besagtes Töpfchen nach dem Geschäft mit dem Fuß unter den Tisch kickte und
dann gepflegt weiter dinierte. Guten Appetit.
Ich hatte mich heute
Abend sowieso nur schwer aus dem Sessel erheben können, um wieder ins Hotel
zu fahren. Es war schon stockduster und es herrschte eine Temperatur von 33
Grad Celsius bei etwa 90 % Luft-Feuchtigkeit und selbst die Gemüter schienen
ein wenig erhitzt. So beobachtete ich an der Bar einen deutschen
Body-Builder, der scheinbar ein paar Bier zuviel getrunken hatte und zum
benachbarten Tisch ging, um eine dort neben einem anderen deutschen
Body-Builder sitzende türkische Dame zum Tanzen aufzufordern. Ich dachte mir
gleich, dass das ins Auge geht. Sie willigte ein und nachdem ER auf der
Tanzfläche zweimal hinfiel, suchte sie das Weite. Ein paar Minuten später
erschien er wieder an ihrem Tisch und wollte nochmals mit ihr tanzen, was
sie dann dankend ablehnte, vermutlich, um sich nicht völlig zu blamieren.
Er fragte nochmals.
Sie lehnte nochmals
ab.
Und dann mischte sich
dummerweise ihr deutscher Begleiter ein. 'MACH DICH VOM ACKER UND TANZ MIT
DEINER EIGENEN HU...'(Original-Text aus dem Gerichts-Protokoll)
Daraufhin wurde
ersterer natürlich etwas sauer und begann, Dinge zu brüllen, die den
moralischen Rahmen dieser Schrift sprengen würden, worauf letzterer
entgegnete 'Du hast Glück, dass ich 'ne Sommer-Grippe habe, sonst hätte ich
Dich schon in den Boden gestampft' (oder so ähnlich).
Nun geriet der erste
völlig außer Kontrolle und beteuerte laut brüllend, diese Bar nicht mehr zu
verlassen, bevor er seinem Kontrahenten nicht die Gurgel umgedreht hätte.
Und wer stand plötzlich neben mir ? Nicht der Direktor, auch nicht einer der
Patrons, sondern DER Ober-Patron, der Chef von zig Hotels, Bau-Firmen,
Versicherungen, Banken, Krankenhäusern usw.
'What is happening
here (Was ist hier los)', sprach er weise.
Unser tobender
Body-Builder fragte 'Was will'n der blöde Türke hier'
'What did he say (Was
hat er gesagt)', sagte der Patron, was ich ihm dann übersetzte. 'Sorry, I'm
the owner of this place (Mir gehört der Laden hier)'
'Mir doch Wurscht,
ich hau' Dir gleich eins auf die Fresse.'
Ich bemerkte, wie
meine Beine sich unbeeinflussbar hin und her bewegten, ich stand schließlich
zwischen einem unkontrollierten Muskel-Berg, der kurz davor war, mich
physisch zu vernichten, und meinem Boss, der mich ökonomisch ruinieren
konnte.
'Martin', sprach
unser Chef (auf englisch natürlich), 'ich wünsche, dass dieser Knilch in 15
Minuten außerhalb dieser Anlage ist'. Ich verstand daraus, wenn ich das
NICHT geregelt kriegen würde, wäre ICH in 15 Minuten außerhalb der Anlage.
So stürzte ich zum
Telefon, rief den Chef der Security und stammelte, hier würde jemand
ausrasten. Ein paar Minuten später kam mein Retter in Form eben jenen Chefs
auch schon höchstpersönlich, was der Situation jedoch unangemessen war, da
er nämlich um die 60 Jahre alt und etwa einen Kopf kleiner als ich war.
Vielleicht hatte ich mich in der Aufregung einfach nur falsch ausgedrückt.
So schickte ich ihn mit der Aufforderung wieder heim, uns schleunigst ein
paar seiner schwer bewaffneten Kumpels vorbeizuschicken, die allerdings auch
nicht viel einschüchternder wirkten.
Also musste ich etwas
diplomatischer werden. Ich ging zu dem Muskelberg und sprach 'Also, pass
auf, Du hast Dich hier etwas merkwürdig aufgeführt und das geht so nicht.
Unser Direktor möchte Dich auf der Stelle an der Rezeption sprechen.'
'Dem werd' ich dann
mal richtig den Marsch blasen'
An der Rezeption war
natürlich KEIN Direktor, ich erzählte meinem Begleiter überraschend
überzeugend, er würde da unten warten und zeigte auf den Ausgang. Der
Muskel-Berg bemerkte in seiner Wut gar nichts mehr und nach ein paar
weiteren Metern und einer Unzahl von unnötigen Worten hörten wir ein
metallisches Rasseln und das hüfthohe Haupt-Tor schloss sich zwischen uns,
d.h. ER war draußen, ICH war drinnen. Das gefiel ihm natürlich überhaupt
nicht, trotzdem ließ sich daran nichts mehr ändern, unsere Haupt-Tor-Beamten
hatten die besseren Colts. Und so winkte ich ihm nochmals freundlich zu und
beschloss, während der nächsten Tage außerhalb der Anlage etwas vorsichtiger
zu sein.
Wir mussten ihm also
jetzt in aller Ruhe und unter irgend welchen fadenscheinigen Gründen ein
Zimmer in einem der Neben-Hotels reservieren und die Sache war gegessen.
Seine Frau, die schon zu Bett gegangen war, reagierte nur mit den Worten
'Was ? Schon wieder ?' und zog es vor, bis zum nächsten Tag in unserer
Anlage zu bleiben. So drückte sie mir seine Zahnbürste in die Hand und bat
mich, diese dem Vater ihrer Kinder zu übergeben, der die Nacht am Haupt-Tor
verbringen wollte. An diesem Abend schien ich, einige Kilos verloren zu
haben und unzählige Liter Blut, die ich durch meine Poren ausgeschwitzt
hatte. Aber ich hatte es mal wieder geschafft, ich meine, meinen Job zu
behalten.
Es dauerte noch zwei
Jahre, bis ich ein Protokoll vom Gericht bekam.