Oh ja, der glücklichste
Moment der Saison für mich und gleichzeitig der mieseste für's Hotel. Der
letzte Gast winkte uns nochmals aus dem Bus zu, welcher kurz darauf um die
Ecke bog und verschwand. Ja ja, für vier Monate keine Beschwerden mehr,
keine leeren Gespräche, keine Probleme, keine Streitereien und keine
Alkohol-Leichen. Für das Hotel bedeutete dies vier Monate kein Umsatz und
trotzdem Kosten.
Diesen bedeutenden
Moment nutzte ich dazu, mir den ERSTEN Gast der Saison ins Gedächtnis zu
rufen: Die gesamte Animation war angetreten, die Rezeption hatte das
freundlichste Gesicht des Jahres aufgelegt. Die deutsche Dame war damals aus
dem Bus gestiegen und war von mir ungefähr mit den Worten 'Herzlich
Willkommen, machen Sie sich keine falschen Vorstellungen, Sie sind unser
erster (und einziger) Gast...' begrüßt worden, worauf diese sagte, das sei
doch wohl ein Scherz. Nein, war es nicht.
'Und wann kommen die
nächsten ?' fragte sie.
'Morgen.', antwortete
ich.
'Und wie viele ?'
'Zwei.'
'Und danach ?'
'Fünf.'
'Wann ?'
'Nächste Woche.'
Und so verlebte sie
einen (bis auf die Anwesenheit unserer Animateure) einsamen Urlaub.
Ein Jahr davor waren
die ersten Urlauber der Saison eine ältere Dame und ihre Tochter, die
diesmal allerdings nur für wenige Stunden allein bleiben sollte.
Merkwürdigerweise wurde bei diesen Saison-Eröffnungen immer jedes Detail zig
Male übereifrig überprüft, was sich dann einige Tage später völlig verlor
und sich jeder davor drückte. Und so war das Zimmer der Neuankömmlinge
mehrmals von mehreren wichtigen Autoritäten untersucht worden, ob die
Heizung denn auch wirklich funktionierte, ob der Geruch im Raum in Ordnung
war, ob keiner geschlampt hatte usw. Die beiden kamen an, wurden übertrieben
begrüßt und zu ihrer Unterkunft gebracht, wo sie sich zuerst einmal von der
anstrengenden Reise erholen wollten. Es wurde dunkel, beide schliefen
scheinbar ein und mit einem lustigen Windstoss löste sich stumm das
unbefestigte Fenster aus dem Rahmen, fiel lautlos durch die Luft und
zerbarst mit einem Höllenkrach auf dem Fußboden neben dem Bett, wo wir
beinahe den allerersten Gast der hoffentlich erfolgreichen Saison durch eine
Herzattacke ins Jenseits befördert hätten. Kreidebleich kamen sie hinterher
zur Rezeption und fragten, ob sie ihr Zimmer nicht irgendwie wechseln
könnten.
Soviel zu den ERSTEN
Gästen.
Und da fuhr er nun
dahin, der letzte Gast, so völlig undramatisch. Das Saison-Personal hatte
nun für vier Monate keinen Verdienst mehr und einen Haufen Langeweile. Das
Stamm-Personal ruhte sich aus und verdiente das Gleiche wie im Sommer.
Und in Europa
sammelte man Geld zusammen, um ein paar Tage im Jahr zu uns zu kommen, um
dort Urlaub zu machen, wo ich lebte, in der Sonne, am Meer, an den schönsten
Flecken der Welt. Daher hatten wir auch immer das Gefühl, im Zentrum der
Welt zu sein, während alle Gäste irgendwoher kamen und dann wieder
irgendwohin verschwanden, um vielleicht mal wieder zurückzukehren. Nicht WIR
waren in der Ferne, sondern die vielen Menschen, sie kamen aus ihr und
fuhren hinterher wieder dorthin zurück.
Ja genau. Jeder
beneidete uns, an so einem schönen Ort zu leben und zu arbeiten. Allein das
üppige Essen ... Ich wurde immer wieder gefragt, warum ich denn nicht am
großen Buffet (wie in meinen ersten zwei Jahren), sondern in der
Personal-Kantine speisen würde. Es war nämlich einfach so, dass ich in jenen
ersten Jahren vor lauter Fragen und Gesprächen kaum noch zum Essen kam.
Einigen fiel gar nicht mehr auf, dass sie mich während ihrer 45-minütigen
Ausquetscherei von der Nahrungsaufnahme abhielten und mein Mahl inzwischen
schon kälter als die Umgebungs-Luft (physikalisch hochinteressant) war.
Zudem stellte ich fest, dass eine Auswahl wie jene am Haupt-Buffet nicht zu
bewältigen war. Man ist kaum in der Lage, an wunderbaren (aber auf Dauer
nicht sonderlich gesunden) Speisen vorbeizugehen, um sich anstelle dessen
Nahrhaftes zu nehmen. Nein, man nimmt sich immer das Falsche, zu viel
Fleisch, zu viel Süß, zu viel Öl. In der Kantine bekam man schließlich ein
Tages-Standard-Menü auf sein Chrom-Blech geschaufelt, welches auch nicht
übel war. Ich glaube, es ist gut, sich ab und zu auch mal zu NICHT so tollen
Mahlzeiten zu zwingen. Na ja.
Die Saison war
gelaufen, die Pool-Bar wurde in Plastik-Planen verhüllt, hinter denen sich
eine Katzen-Familie vor den Winter-Stürmen zu schützen versuchte. Der Pool
wurde abgepumpt und nachdem sich in ihm wieder ein wenig Regenwasser
gesammelt hatte, zogen ein paar Frösche ein und machten es sich gemütlich.
Ich stellte fest, dass der wohl behämmertste Job der Welt der Nacht-Dienst
der Strand-Security im Winter ist, zwischen stockdusterer Mitternacht und
Morgengrauen bei 5 Grad in einer kleinen Kabine am Strand zu hocken und
aufzupassen, dass niemand unsere Plastikplanen klaut. Der zweit behämmertste
Job muss der des Büglers gewesen sein, der im Sommer bei Aussen-Temperaturen
von über 45 Grad in seinem mit Ventilatoren vollgestopften Atelier stand, in
welchem es wohl zehn Grad heißer war, und Kellner-Uniformen und
Animations-Shirts bügelte.
Und jetzt fegte
niemand mehr die Wege, niemand verlieh mehr die Surf-Boards. Die Terrasse
der Pool-Bar war leer, kein Stuhl, kein Tisch, keine Dekoration. Auf der
Terrasse der Pool-Bar fand ich noch ein Cocktail-Schirmchen, die Musik von 'Me
and Mrs Jones' und das Gelächter des Sommers schien noch nachzuhallen, die
Schatten der tanzenden Menschen zu verblassen und die Wellen der letzten
Pool-Aktivität auszulaufen. Man konnte fast schon sentimental werden.
Stürme, Regen und nasse Kälte im Sonnenland.
Zwölf Stunden hatte
es wie aus Eimern geregnet und die Club-Disco, die unter einer Pyramide aus
Marmor drei oder vier Stufen weit in die Tiefe führte, war bis zum
Bauchnabel eiskalt überschwemmt. Dem Disc-Jockey standen die Haare zu Berge,
so dass er sich einen Neoprenanzug aus dem Sport-Office holte und dann ein
Hifi-Gerät nach dem anderen in Sicherheit zu bringen versuchte. Nachdem er
das geschafft hatte, watete er zur Bar und rief mich an : 'Mensch, Martin,
sieht hier aus wie auf einem chinesischem Reisfeld, die Boxen schwimmen hier
rum und so. Aber komisch, die Lampen an der Decke leuchten noch
einwandfrei... ' Nach diesem Satz geriet er ins Stocken, er hatte nämlich
begriffen, dass die Haupt-Sicherung noch immer eingeschaltet war und einer
der Haupt-Schalter sich ungefähr in Knie-Höhe und damit UNTER der
Wasser-Oberfläche befand, er also Gefahr lief, sich selber außer Betrieb zu
setzen. So meinte er, mal schnell aus der Disco verschwinden zu müssen und
legte auf.
Nach diesem Vorfall
dauerte es Monate, die Disco wieder trocken zu legen und einen gewissen
Schimmel-Gestank zu beseitigen. Und es wurden kleine Sand-Säcke vorbereitet,
die nach der Schließung der Anlage vor dem Eingang der Disco aufgeschichtet
wurden. Aber die nächsten Gäste waren ohnehin noch Monate entfernt.
Die Gedanken zogen
zum Frühling, auf steigende Temperaturen und auf die ersten Gäste. Doch als
erstes dachten wir an UNSEREN Urlaub,
weit weg vom Club,
der gerade so
friedlich schlief.