Der kollektive Effekt

Der Reise-Leiter bereitete sich auf seinen Willkommens-Cocktail für seine neuen Gäste vor. Es sollte allerdings nicht ganz einfach werden, da in der Nacht dummerweise drei Busse zur gleichen Zeit angekommen waren und wie immer, wenn viele Gäste gleichzeitig und dazu noch NACHTS ankommen, würde es Probleme geben. Die Gründe dafür liegen auf der Hand : Beim Einchecken an der Rezeption verlängern sich die Wartezeiten (jeder will ja zuerst), in einem großen Ferien-Dorf findet man sich als Neuling und dazu noch nachts nicht allzu leicht zurecht (man kann ja nicht jedem einen Pagen mitschicken), alle Zimmer strahlen bei nächtlicher Ankunft nicht besonders viel Atmosphäre aus und das improvisierte Nacht-Mahl kann nicht die Fülle und Ausstrahlung eines kompletten Abend-Buffets haben.

Und wenn dann noch eine Verspätung eintritt, so dass die Gäste erst Stunden nach der vereinbarten Zeit eintreffen und das Abend-Personal allmählich abgebaut wird, da die Nacht immer weiter fortschreitet, schließen viele daraus, dass die ganze Anlage nichts taugen kann. Und da ja dem Normal-Europäer durch Betroffenen-Berichte in den Medien eine gewisse Skepsis antrainiert wird (worüber sich die meisten schon gar nicht mehr bewusst sind) MUSS es ja zu Problemen kommen. Und so tritt dann dieser gewisse Kollektiv-Effekt ein, wenn nämlich der erste Gast mit der Bemerkung beginnt, er könne in dieser Anlage keinen vernünftigen Urlaub verleben und verlange, sofort in ein anderes Hotel umgebucht zu werden. Nach dieser Aussage meldet sich für gewöhnlich ein zweiter Gast mit ähnlichem Wortlaut, so dass der Rest der Gruppe dem zustimmen muss, um nicht als völliger Naivling dazustehen. Eine ähnliche Situation hatte also nun dieser arme Reiseleiter vor sich, ein tobender Haufen Touristen strömte zu ihm hin und zog sich Argumente aus den Fingern, um so auf der Welle des so oft im Fernsehen hochstilisierten Protestes mit zu schwimmen.

 

In der Regel hatten wir jedoch eine recht hohe Anzahl von Stammgästen, die keineswegs mit wenigem zufrieden zu stellen waren. Diese Gäste überschütteten uns mit Komplimenten, wie es uns nur immer wieder gelingen würde, eine so große Anlage so perfekt zu führen. Bei diesen Gästen fand das oben angesprochene Kollektiv-Verhalten genau in umgekehrter (und damit in die für uns natürlich angenehmere) Richtung statt, die Gruppe redete sich also ein, in einem perfekten Ferien-Dorf zu wohnen.

Wozu ich das erzähle ? Weil ich darstellen möchte, dass die Angehörigen einer von beiden Gruppen ihre persönliche Meinung durch die des Kollektivs ersetzen. Es KANN nicht SO schlecht sein, wenn es den anderen SO gut gefällt (oder umgekehrt). Aber in diesem Falle geht es nicht darum, ob die Anlage schlecht ist oder nicht, sondern um ein oder zwei Personen, die die Gruppe im entschiedenen Moment zum positiven oder negativen Denken rum reißen.

Diesmal wagte jedoch einer den Ausbruch und sagte mit leiser und schüchterner Stimme 'Also, mir und meiner Familie gefällt's hier eigentlich'. Und als sich der größte Teil der Gruppe anklagend zu dem Spalter wendete, schien er sich sogar für diese Äußerung zu schämen.

Im Interesse des eigenen Urlaubs, den die meisten sich hart verdient haben, fordere ich hiermit den Durchschnitts-Touristen auf, kleine Mängel zu übersehen, sich von der Meinung des Kollektivs zu lösen und einfach nur seinen Urlaub zu genießen.

 

 

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