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Die Show in unserem
Freiluft-Amphi-Theater hatte begonnen und etwa sechshundert Menschen hatten
sich wie die Sardinen in das Halbrund gedrängt. Viele von ihnen waren
so genannte Patzer-Jäger, die sich die Aufführung nur ansahen, um nicht zu
verpassen, wenn ein Animateur von der Bühne fiel und sich alle Knochen im
Körper brach (ich behaupte, dass die meisten Formel 1-Fans in diese
Kategorie fallen). Und heute Abend sollte so was ähnliches auch passieren,
nein nein, keine Schwerverletzten, aber zumindest doch ein Patzer erster
Kajüte, in seiner Art unwiederholbar. Die Show hatte irgendwas mit Cowboys
zu tun, eine schöne Dekoration, tolle Kostüme und sogar eine Handlung.
Eine
Szene spielte am Hafen, Möwen kreischten aus den Lautsprecher-Boxen und drei
der Animateure saßen auf einer Holzbank und sagten ihren Text auf bis ein
anderer Animateur als Zeitungs-Junge kommen und einen Brief überbringen
sollte, welcher für den Fortlauf der Geschichte unbedingt notwendig war.
Selbiger Animateur hatte jedoch seien Auftritt verpasst, stand in seinem
Cowboy-Kostüm an der Bar und genehmigte sich einen kühlen Raki mit einem
romantischen Blick auf's Mittelmeer. Sekunden, die den Darstellern gerade
vorkamen wie Jahrzehnte, reihten sich unaufhaltsam aneinander, sechshundert
Zuschauer erwarteten irgendeinen intellektuellen Dialog, der nicht
stattfinden konnte, da dieser verdammte Brief nicht kam. Es herrschte eine
Grabes-Stille, die Animateure verdrehten ihre Augen und mimten irgendwelche
Dinge, die gar nicht an diese Stelle passten, einer nach dem anderen wischte
sich den Schweiß von der Stirn, das Publikum begann zu murmeln.
Dies war ein
Moment, in dem sich mindestens drei Personen aller Anwesenden (die auf der
Bühne) am liebsten in Luft oder irgendein anderes unsichtbares Gasgemisch
aufgelöst hätten, was sich aber momentan tricktechnisch nicht so einfach
einrichten ließ, sie konnten auch nicht aufstehen und gehen, aber auch nicht
tatenlos sitzen bleiben, glücklicherweise brachte jedoch jemand eine
unbeabsichtigte Wendung in diese Zwickmühle. Im 'Tower', einer Kanzel über
den Köpfen der Zuschauer, saß wie bei jeder Show unser Discjockey und
steuerte von dort aus alle Licht- und Klangeffekte. Er verfügte natürlich
auch über eine Gegensprech-Anlage zur Kulisse, wo er jetzt den abwesenden
Strolch beim Zeitung lesen vermutete. Und so brüllte er in diese arme und
dann völlig überlastete Gegensprechanlage, wo der verfluchte Saboteur denn
gefälligst bleibe und er würde ihm alle Eingeweide rausreißen und sonst
irgendwohin verpflanzen, am besten an den Hinterkopf, und noch viel
schlimmere Flüche, die im Hinblick auf die gute Erziehung des Lesers jetzt
NICHT aufgeführt werden (es hatte was mit Geschlechtsteilen zu tun, Sie
wissen schon...). Wenn er jedoch vorher nur das Mikrofon zu den
Haupt-Lautsprechern abgestellt hätte, die alle seine Beschimpfungen bis zum
Mond hörbar verstärkten... Als er so den wunderbar professionell
ausgesteuerten und Tiefenbass-unterstützten Widerhall seiner eigenen
Vulgaritäten hörte und aus seinem Fenster hinaus auf das Publikum schaute,
fand er sich im Fadenkreuz von sechshundert (negativ) überraschten
Augenpaaren wieder, zog langsam seinen Kopf wieder zurück und schob ganz
beiläufig wieder sein Fenster zu. Ja ja, an diese Geschichte kann ich mich
noch gut erinnern, ich war einer der drei Darsteller auf der Hafenbank.
Und dann noch
ausgerechnet ich, der sowieso vor jeder Ansage tausend Tode starb und sich
vor Aufregung kurzfristig nach Polynesien, Alaska oder Castrop-Rauxel
wünschte. Ich hatte jedoch auch festgestellt, dass ich bisher noch jede
Ansage mehr oder weniger überlebt hatte, wusste allerdings nie, wie lange
mein Kreislauf das noch mitmachen würde. Mein Auftritt beschränkte sich
schließlich nur noch auf einen einzigen pro Woche, bei dem ich im Namen des
Managements, welches sich das scheinbar nicht selber traute, die neuen Gäste
begrüßte. Anschließend brauchte ich jedes mal einen doppelt und dreifachen
Cognac, den ich meistens gegen doppelt und dreifache Gläser Bier
eintauschte. Es gab aber noch jemanden, der mit Ansprachen vor größerem
Publikum seine Problemchen hatte, und das war ein Jahr lang der Basis-Leiter
der Tauchschule, ein deutscher Hüne mit breiten Schultern. Auch er hatte die
Aufgabe, sich und seine Crew einmal wöchentlich vorzustellen und auf das
'kostenlose Probetauchen' im Pool am jeweils darauf folgenden Tag hin
zuweisen. Vor der Show hatte er sich seinen Text noch ein paar Dutzend Male
selber aufgesagt, um dann auf der Bühne irgendwas von 'probelosem
Kostentauchen' zu reden, was ihn natürlich völlig aus dem Konzept brachte.
Eine Woche später war er daher doppelt so nervös, man kennt das ja: eine
Peinlichkeit zieht die nächste wie in einer Kettenreaktion hinter sich her.
So sah man ihn vor seiner Ansage mit Kringeln der Trance in den Augen an der
Bar stehen und 'kostenloses Probetauchen', 'kostenloses Probetauchen' vor
sich hin murmeln. Als er auf der Bühne dann an besagter Stelle ankam,
entglitt ihm ein fröhliches :'Und nicht vergessen, morgen früh zum
probelosen Kostentauchen, äh, quatsch, äh, was...'
Eine Woche später
hatte er sich dann angeblich bombensicher auf seinen Spruch vorbereitet, war
guter Dinge und stolperte beim Betreten der Bühne über die oberste Stufe...
Was auch immer wieder
gut ankam, war der 'Indian-Sketch', mit dem neue Animateure im Team
willkommen geheißen wurden. Zu diesem Zwecke wurde der Neuling in ein
Indianer-Kostüm gesteckt, bunt angemalt und auf die Bühne geschickt, wo er
mit Kriegs-Geheul dreimal im Kreis laufen und wieder von der Bühne
verschwinden sollte, sobald der Cowboy ihn ablöse. Der Cowboy kam natürlich
nicht und vom Bühnen-Ausgang wurde andauernd gesagt, der Cowboy komme
sofort, noch ne Runde, und noch eine und noch eine. Und dann noch eine und
nochmals eine. Eine Mikrofon-Stimme löste das Rätsel dann auf, zumal die
Zuschauer sich schon fragten, was denn in diesen unbekannten Animateur
gefahren sei, welcher dann natürlich so tat, als sei er begeistert darüber,
dass man ihm die Esel-Mütze übergestülpt hatte, etwas künstlich grinste und
ganz plötzlich verschwand. Ulkig, was?
Oh ja, das Theater
war immer wieder für Überraschungen gut, wenn beispielsweise mitten in einer
ernsthaften Szene (wie ein Tänzchen zu romantischer Musik) versehentlich ein
Animateur als Banane verkleidet im völlig falschen Moment auf die Bühne
geschossen kam, nach einer kurzen Gedankenpause talentiert von einem Fuß auf
den anderen hoppelte, um so zu tun, als gehöre das zur Nummer und sich mit
hochrotem Kopf im Bruchteil einer Sekunde gleich wieder von der Bühne
verdrückte.
Eins meiner
persönlichen Highlights fand an einem Abend, an dem ich mal wieder besonders
nervös war, statt, als kurz nach Beginn meines Auftritts ein Mann aus dem
Publikum aufstand und irgendwelche Beschimpfungen auf Türkisch rief, von
welchen ich dachte, sie seien für mich bestimmt. Der Mann setzte sich
wieder, um, ich hatte gerade wieder meinen Faden aufgenommen, sofort wieder
aufzuspringen und weiterzufluchen. Allmählich verstand ich, dass er es auf
einen anderen Mann abgesehen hatte, der ihm wohl kurz vor Beginn der
Aufführung das Sitzkissen geklaut hatte. Ich machte den Herrn darauf
aufmerksam, dass ich gerade versuche, eine Ansprache zu halten und dass er
sich gefälligst wieder hinpflanzen solle, was wenig Wirkung zeigte. So
pöbelte ich ihn mit kleiner Unterstützung hochleistungsstarker
Theater-Lautsprecher an, was für einen Ausländer gegenüber Einheimischen
recht gewagt war. Unerwarteter Weise stifteten mir jedoch eine Menge anderer
türkischer Gäste einen Applaus, so dass der Störenfried stumm zu schmollen
begann.
Um als Animateur auf
der Bühne bestehen zu können, muss man halt schon gute Nerven haben, da man
stetig das Gefühl hat, die Masse würde einen schneller für komplett
meschugge halten, wenn man mal etwas unästhetisch vor sich hin stotterte,
als im normalen Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Dies ist eindeutig ein
Irrtum, trotzdem kommt es einem immer wieder so vor (na ja, zumindest mir).
Und nur Animateuren passierte es, am düsteren Abend des ersten Tages im Club
in den Frosch-Teich zu fallen, so wie einer unserer Tennis-Lehrer. Dies war
nie einem Gast passiert, zumindest hörte ich nie davon, was unwahrscheinlich
war. Ein Tauch-Lehrer (namens Martin, nein, Zufall) übersah eines
regnerischen abends den Pool (!) und fiel hinein, um anschließend noch die
Disco aufzusuchen, wo er sich zu den anderen an die Bar stellte und sich ein
Bier bestellte. Irgendjemand stand neben ihm, musterte ihn von oben bis
unten und sagte dann, er wisse ja, dass es regne, aber doch nicht sooo
stark. Auf dem Boden hatte sich inzwischen schon eine mittelgroße Lache
gebildet. Martin erhielt ab sofort den Beinamen Pool-Martin. Soweit ich mich
erinnere, fiel Pool-Martin hinterher nochmals irgendwo rein.
Die Show war mal
wieder zu Ende, Mitternacht rückte näher und unser Musiker (er war sauer,
dass ich ihn Todes-Geiger genannt hatte) begann wieder, die Bar mit seiner
Plärrerei einzulullen. Eine ältere Frau war scheinbar im gestreckten Galopp
vor den mit bunten Glühbirnen beleuchteten und damit unübersehbaren
Seitenarm der uralten Krüppel-Pinie neben der Bar gelaufen und flog gerade
von der Wucht des Rückschlages auf ihr Hinterteil, so dass ein Dutzend
anderer Gäste aufsprangen und zu Hilfe eilten. Ich weiß, es war nicht der
richtige Moment dazu, trotzdem konnte ich mir ein gewisses Lächeln nur
schwerlich verkneifen. Glücklicherweise war es nicht notwendig, die
Krankenschwester zu rufen, die ältere Dame schien ein Oberstübchen zu haben,
welches hart wie eine Kokos-Nuss entweder aus Eichenholz oder mir einer
Stahlkappe versehen war. Ihr war bis auf einen kleinen Schrecken nichts
passiert.
Die Animateure kamen
aus der Umkleide und sonnten sich im Ruhm. Jeder wollte mit ihnen zusammen
ein Photo schießen, da viele von ihnen noch die Kostüme trugen und somit
ausnahmsweise mal fotogen wirkten.
Ein paar andere
Animateure bereiteten schon den nächsten Spaß vor, er nannte sich
'Pool-Rodeo'. Zu diesem Zwecke war ein altes Öl-Fass mit Sattel,
Fuß-Brettern und Halte-Griff versehen und im dezenten Kuh-Design angemalt
worden. Während die Kuh also im Pool schwamm und mit vier Seilen am
Pool-Rand befestigt war, wurden die ersten Namen der Teilnehmer aufgerufen,
die dann zur Kuh schwammen, aufsattelten und nach dem Startschuss von den
Animateuren an den Seilen zerrend zum Absitzen bewegt wurden. Pool-Rodeo war
meine Lieblings-Aktivität, sie war noch hundert Mal besser als das allseits
bekannte Mitternachts-Spiel 'Fang den Slip', bei dem erwachsene und seriöse
Menschen dazu gebracht wurden, einen Slip, welcher an einer Leine über dem
Pool hing, im Sprung nach einem gewaltigen Anlauf zu erwischen. Viel
grotesker fand ich jedoch den Vorläufer davon ('Fang die Pfanne'), bei dem
man versuchen muss, mit einem Holzknüppel in der Hand im Sprung eine über
dem Pool hängende Pfanne abzuschlagen. Wunderbar banal.
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