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Hochverehrte
Leserin und ebensolcher Leser!
Was, so
werden Sie sich fragen, was ist unter Camyuva zu verstehen? Nun, hätte ich
Istanbul oder Antalya geschrieben, dann wäre Ihnen klar gewesen, hier ist
die Türkei.
Aber Camyuva,
wo ist denn dies, und was hat man sich darunter vorzustellen. Ich darf Sie
aufklären, es ist eine kleine Ortschaft zwischen Kemer und Finike, gelegen
an der türkischen Adria, etwa 60 km westlich von Antalya.
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Camyuva war
noch vor wenigen Jahren ein Bauerndorf, umgeben von Orangen, Mandarinen und
Zitronenhainen. Man lebte hier fast ausschließlich von landwirtschaftlichen
Produkten, mehr schlecht als recht.
Bis zu dem
Zeitpunkt, als potente Investoren bemerkten, welch eine schöne Lage, welch
mildes Klima und was für eine tolle und abwechslungsreiche Landschaft dieser
Ort und seine Umgebung zu bieten hat. In kurzer Zeit entstanden große und
kleine Hotels, Pensionen und Ferienclubs, Strandanlagen und die notwendige
Infrastruktur.
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So ergibt
sich jetzt, dass Camyuva ein aufstrebender Ferienort für sonnenhungrige
Mitteleuropäer mit Schwerpunkt deutscher Gäste ist. Zwei vollkommen
verschiedene Gesichter hat dieser Ort, denn wenn man von Kemer kommend in
Camyuva einfährt, erblickt man linker Hand das Mittelmeer und die Hotels,
Parks, Badeanlagen und Ferienclubs, alle direkt am Strand gelegen. Auf der
anderen Straßenseite haben sich Geschäfte der unterschiedlichsten Art und
Größe etabliert. Von der ganz einfachen und kleinen Imbissbude bis zum
Juweliergeschäft der gehobenen Klasse, dazwischen jede Menge Andenkenläden,
Textilwarengeschäfte, Bierbuden, Restaurants und Bars, kurz alles, was dem
Urlauber den Geldbeutel erleichterten kann.
Auf dieser
Straßenseite geht es rustikal zu, vieles ist improvisiert, und als Gast muss
man neidlos anerkennen, dass die Türken darin wahre Meister sind. So ist
dies auch mit dem Straßenbau, und dies ganz besonders auf der rechten Seite
dieser Dorfstraße, womit wir beim Thema wären.
Die
Bordsteine haben konsequent unterschiedliche Höhen, aus welchen Gründen dies
so ist, konnte der Chronist nicht ermitteln. Manche sind kaum zu erkennen
oder schlicht und ergreifend abgesackt, andere erreichen locker die
imposante Höhe von gut 30 Zentimetern.
Nun wird es
aber hohe Zeit, dem Publikum die handelnden Personen dieser ergreifenden
Geschichte vorzustellen, als da sind; ein Ehepaar aus Sachsen, diverse
andere Urlaubsgäste, Personal des Hotels Mayesti Elysee, und natürlich
Einwohner dieses lieblichen Ortes. Und der Chronist dieses Dramas samt
seiner Gattin. Die letztgenannten waren schon eine Woche hier im Urlaub, bei
durchgehend sonnigen und warmen Wetter, dies Anfang Februar. Von hoch oben
grüßt der Berg Tahtahli Dag (Olympos) mit seiner stolzen Höhe von 2.575
Meter mit seiner schneebedeckten Spitze, unten im Tal 24 Grad Celsius mit
Palmen, Kakteen und Orangenbäumen, oft noch mit Früchten behangen.
Ganz Mutige
baden im Meer oder spielen Tennis, einfach schön für die Gäste, die
wirklich zufrieden sind und sich wohlfühlen. Aber es gibt Zeitgenossen,
denen es niemand recht machen kann, die an allem und jedem etwas zu mäkeln
haben, die sogar mit sich selbst ganz offensichtlich unzufrieden sind. Das
bereits erwähnte Ehepaar aus Sachsen gehörte zu dieser Sorte, die wir, wie
gesagt, erst nach einer Woche kennen lernten.
Dies geschah
um 8 Uhr vormittags, im Speisesaal unseres Hotels, den wir an diesem Tage,
ganz entgegen unserer Gewohnheit, erst um diese Zeit betraten, um unser
Frühstück einzunehmen. Plötzlich ging ein leisen Raunen durch den Raum, und
als wir nach der Ursache forschten, erblickten wir eine Walküre der
absoluten Sonderklasse, die sich energisch in Richtung Frühstückbüfett
wälzte.
Nein, ich
habe mich nicht verschrieben, sie wälzte, angetan mit einem wallenden
lindgrünen Kleid, den ziemlich weiten Ausschnitt behangen mit Kettchen und
Anhänger in rot, bewaffnet mit einer roten Brokathandtasche, durch den Saal.
Ohne zu übertreiben, unter mindestens 90,- kg. Lebendgewicht war da nichts
zu machen, das Bruttogewicht lag bestimmt noch ein Kilogramm höher, denn an
jedem Finger befanden sich mehrere Ringe.
In einer
dichten Wolke von Parfüm und Puderdunst eingehüllt, ihren erheblich
kleineren Mann im Schlepptau, wurden die Teller vollgeladen. Im Stil eines
Braunkohlenbaggers fiel sie darüber her, während ihr Männchen fast pausenlos
damit beschäftigt war, Nachschub in Form von Butterhörnchen und Kaffee
herbeizuschaffen. Als nach etlicher Zeit diese Zeremonie dem Ende zuging,
erklärte die Dame, dass in der dominikanischen Republik der Kaffee bedeutend
besser gewesen wäre.
Damit wurde
den Besatzungen der umliegenden 10 Tische auch klar, dass sie hier eine Dame
von Welt vor sich hatten, die ihre Weisheiten im lupenreinen sächsisch von
sich gab. Die weitere Bemerkung, dass es auf Mallorca mindestens 4 Sorten
Oliven gäbe, während hier im Hotel nur deren zwei zu sehen seien, rundete
das Ganze nur noch ab.
Die stets
freundlichen und der deutschen Sprache durchgehend mächtigen Kellner und
Ober schienen plötzlich nur noch türkisch zu verstehen, sodass sich die
Walküre erhob und mit der lautstark verkündeten Meinung, hier gäbe es ja
nicht einmal Speiseeis, den Saal verließ. Wenig später sahen wir sie und ihr
Rumpelstilzchen am Empfang wieder, wo sie einen Mietwagen orderte, da die
Busse für sie vollkommen ungewohnt wären.
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Zwei Tage
später sahen wir dieses Pärchen wieder, als wir zur Mittagszeit vor einem
kleinen Restaurant unter einem Sonnschirm saßen und den Herrgott einen guten
Mann sein ließen. Es erschien ein Fiat-Panda, also ein Kleinwagen, beladen
mit unserem ungleichen Ehepaar. Direkt vor uns fuhr der Mann ran an den
Bordstein, stellte den Motor ab und begab sich in den schützenden Schatten.
Dort rückte er einen Tisch zurecht, während die Dame noch mit dem
Sicherheitsgurt kämpfte, der ganz offensichtlich etwas zu kurz für den
Umfang dieses Schlachtkreuzers war. |
Anschließend wollte sie die Türe öffnen, und
nun kommt der Bordstein von Camyuva ins Spiel!
Es war einer
von der hohen Sorte, und der Fiat-Panda ist ein Kleinwagen der niedrigen
Sorte, es fehlten wenige Zentimeter, um die Wagentüre über den Bordstein zu
schwenken. Während ihr Männeken schon die Speisekarte studierte, kurbelte
sie mit hochrotem Kopf an der Fensterkurbel herum, um dann durch Fenster die
Tatsache hinauszurufen, dass sie nicht aussteigen könne. Also fuhr ihr Gatte
den Wagen weg vom Bordstein, ließ die Dame auf der Strasse aussteigen, was
das Wägelchen mit einem lautem Seufzer quittierte und sich umgehend um cirka
5 Zentimeter aus den Federn hob.
Nun, auch
Sachsen sind Deutsche, und diese sind für Ordnung bekannt, also wurde der
Fiat wieder genau in die Ausgangsposition bugsiert, will meinen, vor diesen
schönen und hohen Bordstein. Inzwischen hatte der Ober des Lokals in weiser
Voraussicht den Plastikstuhl am Tisch gegen einen Stahlrohrsitz
ausgewechselt, auf den sich nun die Dame, heftig schnaufend, niederließ.
Geordert wurde umgehend für sie eine osmanische Pfanne, während er sich mit
einem Hirtensalat zufrieden gab.
Nachdem die
osmanische Pfanne unter Zuhilfenahme von zwei Gläsern Rotwein von ihr
niedergemetzelt war, erhob sie sich vom Gestühle und schritt zum Kleinwagen,
dessen Türe sich trotz des hohen Bordsteines nun öffnen ließ.
Verehrtes
Publikum, es folgte nun ein Vorgang, den ich aus Genauigkeitsgründen etwas
ausführlicher darstellen will. Da ja, wie bereits erwähnt, es ein ziemlich
kleiner Wagen war, ist das Einsteigen für Personen mit einem normalen Umfang
schon etwas beschwerlich, noch dazu von einen hohem Bordstein aus. Für die
Dame grenzte es an Akrobatik, um hier in den Sitz zu kommen. Zuerst den
linken Fuß vorsichtig und langsam hinein ins Auto, dann etwas in die Hocke
gehen, das Hinterteil in Position bringen, um dann mit einem Plumpser sich
auf den Sitz fallen lassen. So geschah es, es plumpste gewaltig, der Fiat
wurde blitzartig in die Federn gehauen, es gab ein schmerzhaftes,
metallisches Scharren, und die geöffnete Türe war festgerammt.
Dieser
Vorgang wurde von dem inzwischen recht zahlreichem Publikum mit größter
Aufmerksamkeit, und mit schlecht verhohlener Schadenfreude registriert.
Nun saß
also unsere Walküre festgekeilt auf dem Beifahrersitz, fast genau so fest
wie die Wagentüre auf dem Bordstein. Ihr Mann hatte inzwischen die Rechnung
beglichen, wollte die Wagentüre schließen, logischerweise vergeblich.
Folgerichtig forderte er seine Dulcinea auf, das Fahrzeug nochmals zu
verlassen, um es vom Bordstein wegfahren zu können. Seine Lieblichkeit war
inzwischen geladen wie eine alte Strandhaubitze, schwitzend und mit
hochrotem Kopf weigerte sie sich, nochmals das Aussteigemanöver in Gang zu
setzen, dies in gehobener Lautstärke und natürlich im lieblichen Sächsisch.
Zu meiner
Schande muss ich gestehen, dass ich Mühe hatte, nicht laut herauszulachen,
und da war ich ganz bestimmt nicht der Einzige. Also versuchte ihr
Ehegespons, den Wagen samt offener Türe wegzufahren, was die Türe mit einem
Nerven zerfetzenden Gekreisch quittierte, so ging’s nicht.
Der Gute
stieg wieder aus, um seiner Gattin mitzuteilen, dass die einzige
Möglichkeit, hier wegzukommen, ohne die Wagentüre abzureißen, eben ihr
ausstieg aus dem Wägelchen wäre. Ob sie nicht auf seinen Sitz rutschen
könne, um auf der Straßenseite ins Freie zu gelangen.
Hierzu
wäre aber die Demontage der Gangschaltung und des Lenkrades notwendig
gewesen, wie sich nach kurzer Zeit herausstellte. Die Gäste des Lokals „
Beim Hansi“, sowie der rechts und links davon liegenden Geschäfte waren
längst fasziniert von diesem Schauspiel, alle harrten gespannt der Dinge,
die noch folgen würden.
Sie taten
allerdings so, als ob sie überhaupt nicht bemerken würden, was hier vorging,
und auch ich hatte Mühe, meine Schadenfreude zu verbergen. Diese Dame hatte
es nämlich fertig gebracht, sich innerhalb kürzester Zeit sehr unbeliebt zu
machen, es herrschte also die allseits beliebte Schadenfreude.
Habe ich
bisher vergessen, festzustellen, dass die Türken sehr freundliche und
hilfsbereite Leute sind ?. Also begaben sie sich zu dem armen gepeinigten
Fiat, drei Mann stemmten sich gegen das Wagendach, der vierte im Bunde
drückte mit kräftigem Hauruck die Türe zu. Huldvoll winkend dankte die Dame
der Fülle den Helfern, der Fiat entfleuchte samt Inhalt. Sie waren noch
keine zwanzig Meter weg, war ein Gelächter und ein Geschrei wie auf einem
Kirmesmarkt, Tränen des Lachens flossen, und die Stimmung stieg schlagartig
an.
Es wurde ein
sehr schöner und feuchter Mittag, und Spätnachmittag, Efes (Biersorte) und
Raki hatten Hochkonjunktur, Wirt „zum Hansi“ samt Personal waren
hochzufrieden.
Nur ein
Mitmensch aus dem Bayernlande ärgerte sich furchtbar : „I hob a sauguate
Kamera, un grad itzo liagt die oben im Kammerl, so an Scheiß!“.
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