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Wir,
will meinen, meine liebe Frau, die mich vor langer Zeit für einigermaßen gut
befunden und geheiratet hat, sowie ich, der im zarten Alter von 65 Jahren
auf die Wahnsinnsidee kam, drei Wochen Urlaub in der Türkei zu buchen, also
wir warteten auf dem Frankfurter Flughafen, dass unsere Nummer aufgerufen
werde. Wir waren mit die Ersten, die eingecheckt hatten und folgerichtig
bekamen wir die Reihe 6, Sitz a & b, also ziemlich vorne im Flugzeug und
durften nun warten, bis die Reihen 68 bis 55, dann 54 bis 33 usw. zum
Einstieg aufgefordert wurden, um schließlich ebenfalls im Bauch unseres
Transportmittels zu verschwinden. Kleine Grabenkämpfe wurden noch gelassen
hingenommen, auch der Schönheitskoffer, auf neudeutsch Beautycase, der mir
mit voller Überzeugung ins Kreuz gedrückt wurde, wurde mehr oder weniger
gelassen registriert. Etwas später konnte ich feststellen, dass die
Inhaberin dieses Koffers der Schönheit sich besser eine Überseetruhe zu
diesem Zweck gekauft hätte.
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Es gab noch etwas Gewurstel, bis oberhalb und
unterhalb der Sitze alles verstaut war, verschiedene Jacken, Mäntel und
Kittel entweder aus – oder auch wieder angezogen waren, es folgten die
Ratschläge in Bezug auf die Anschnallpflicht während des Startens und
überhaupt, sodann der beruhigende Hinweis, dass wir in einem überaus
sicherem Fluggerät nun beheimatet wären, fast gleichzeitig die Aufklärung,
wo im Falle eines Falles die Schwimmwesten sowie Sauerstoffmasken wären,
dass das Spielen im Hofe während des Fluges unangebracht sei, und schon
ging’s aufwärts, der Fun-Expreßsonne entgegen. |
So etwa 8
Meter vor uns war entstand lebhafter Betrieb, im bunten Wechsel zogen
etliche Passagiere an uns vorbei, die nach dem erloschenen Kommando, fasten
seat belts, die Toiletten stürmten. Alsbald klappten kleine Monitore über
den Sitzen herunter, die uns umgehend darüber informierten, dass wir einen
ungeheueren Dusel haben, ausgerechnet mit dieser Fluglinie in die Türkei zu
fliegen. Nachdem dies, und andere Informationen mehr oder weniger
wohlwollend zur Kenntnis genommen wurden, hatten wir die Gelegenheit,
mittels eingeblendeter geographischer Karte zu sehen, dass sich unser
technischer Vogel kurz vor oder über Wien befände. Wenig später begann ein
gemeinsames Hauen und Stechen, die Abendmahlzeit wurde serviert. In der
mittleren Sitzreihe erwies sich Alois Loderer aus Hirnding bei Trudelshausen
in Bayern als absoluter souveräner Beherrscher dieser drei Sitze. Seine
Ellenbogen befanden sich jeweils rechts und links der Nasenspitzen seiner
Nachbarn, die folgerichtig halb im Gang hingen. Es war ganz gut, dass dieser
Mensch zur Kategorie der Schnellesser gehörte, denn schon kurz vor Budapest
konnten seine Nachbarn den ersten Happen ihrer Mahlzeit ergattern. Die Reihe
davor war da wesentlich kultivierter, mit dicht angelegten Ellenbogen wurde
Mikado mit dem Essen zelebriert, gestochert und geschnippelt, weit bis
hinter die ungarische Grenze. Direkt vor uns kämpfte Frau Schäufele aus dem
schwäbischen Remshalden mit dem Putenschnitzel, den Beilagen und dem zigfach
verpacktem, anderen Zubehör. Karl, so hieß ihr Ehegatte, machte eine Weile
mit, dann stieß er den schwäbischen Gruß aus, klappte die beiden
Brotscheiben auseinander, deponierte darauf in bunter Reihenfolge das
Schnitzel, Salat, Tomatenscheiben, Käse, das Täfelchen Schokolade, den Senf
und den Teebeutel darauf, klappte das Ganze zu und hatte so einen sehr
vitaminreichen Big-Mäc, der nun vollkommen unproblematisch zu handhaben war.
Auf den Bildschirmen flackerte inzwischen ein US-Filmdrama, dessen Ton per
Kopfhörer auf Kanal 3 auch auf Suaheli zu empfangen war. Nette, uniformierte
Damen schoben erneut ihre Warentransporter durch die Gänge, um sensationell
billige Spirituosen, Parfüm, Uhren usw. anzubieten, Zigaretten wurden
stangenweise geordert.
Einen Tag später konnte man diese Artikel für den
halben Preis in Antalya bekommen, aber da waren ja die netten Damen vom
Flugzeug nicht mehr greifbar. Unser Freund Alois aus Bayern beschwerte sich
über die winzigen Bierfläschchen, und ob sie auch richtiges Bier aus Bayern
hätten, Warsteiner wäre ihm zu exotisch. Das Filmdrama auf den Monitoren
näherte sich seinem Ende, der Held outete sich als schwul, worauf sich seine
Herzensdame hinter einen Schnellzug warf - Ende. Gleich darauf erfuhren wir,
dass in Antalya 18° Celsius auf uns warten, dies so gegen 1 Uhr nachts.
Erneut begann ein Run auf die Toiletten, wenig später setzte der Flieger
aufs Rollfeld auf, erleichtertes Klatschen folgte. In den Gängen wurden
wieder Jacken, Kittel, Mäntel und dergleichen an, bzw. ausgezogen,
Handtaschen und anderes Bordgepäck geschultert, es begann der 10-minütige
Fußmarsch zum Kofferband. Aus dem Untergrund kollerten die Gepäckstücke auf
das rollende Kreiselband. Nach etwa 20 Minuten stellten wir fest, dass
unsere Koffer nicht dabei waren, was in Anbetracht der Tatsache, dass diese
Ladung von einem aus Leipzig gekommenen Flugzeug stammte, während ja wir aus
Frankfurt kamen, nicht verwunderlich war. Wenig später ein freundliches
Merhaba bei der Zollkontrolle, Stempel aufs Papier und raus ins Freie. Dort
erwarteten uns freundlich grinsende Männer mit großen Tafeln, auf denen
Neckermann, Nur-Reisen oder Öger etc. stand. Wir wurden, nachdem wir
sortiert waren, mitsamt Gepäck in die bereitstehenden Busse geschaufelt, und
ab ging’s in die Nacht. Soweit mir bekannt ist, gibt es in der Türkei keine
Formel-1 Rennen, aber die Fahrer dafür existieren. Diese tragen ihre Kämpfe
per Bus aus, ob Prämien dafür bezahlt werden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Auf jeden Fall aber sind Verkehrszeichen und Schilder völlig unnötig, egal
ob Einbahnstrasse, Baustelle, Geschwindigkeitsbeschränkung, durchgezogene
doppelte Linien, souverän donnerte unser Bus vorbei, auch an zwei
Polizeiwagen, deren Insassen sich mit einem, mir unbekanntem, Brettspiel
vergnügten. Es waren etwa 45 Minuten dieser Tour de speed vergangen, da
fuhren wir mit Schwung an einem großen, hell erleuchteten Hotel vor, der
Fahrer rief uns etwas unverständliches zu, alles stieg aus, Koffer wurden
sortiert. Wenig später saßen wir wieder im Bus, denn nur zwei Pärchen hatten
dieses Hotel gebucht, wir durften nochmals rund 30 Minuten die Fahrkünste
unseres Fahrers bewundern, wir fuhren in Camyuva ein, und enterten dort
unser Hotel. Es war nun 2,30 Uhr in der Nacht, Fahrstuhl und Kofferträger
brachten uns in den 6.Stock, wir waren da.
Am anderen
Morgen Schreie des Entzückens : Die Sonne stieg über dem Mittelmeer auf, das
sich direkt hinter unserem Hotel breit gemacht hatte, Blick auf dieses
Panorama, dazu türkisblaues Wasser im riesigen Swimmingpool, Palmen und
Kakteen ringsum, fleißige Männer schruppten die Fliesen der Wege, Perlhühner
suchten im gepflegtem Rasen Futter, kurz – wir waren im Paradies. Der
Fotoapparat bekam zu tun, Schränke wurden eingeräumt, leichte Bekleidung
angelegt und runter ging’s zum Frühstück. Im großen Speisesaal erwarteten
uns nicht nur freundliche Kellner, ein Riesenbüfett war auch da, etwa 25
Meter lang. Alle Voraussetzungen waren geboten, um innerhalb der drei
gebuchten Wochen seinen Körperumfang zu verdoppeln, es gab nichts, was es
nicht gab, mit Ausnahme von Speiseeis, wie sich eine Woche später
herausstellte. Aber dies ist eine ganz andere Geschichte.
Es begannen
Urlaubstage, die wir nie vergessen werden, in einem freundlichen Land, mit
freundlichen Bewohnern, sogar der Dorfhund war die Freundlichkeit selbst, er
begrüßte uns jeden Morgen mit freudigem Schwanzwedeln, wahrscheinlich in der
Hoffnung, uns etliche seiner zahlreichen Hundeflöhe aufzuhängen. Es war
Anfang Februar, und 10 Tage lang schien die Sonne , mit Temperaturen
zwischen 19 und 26° Celsius, ein Traum für uns Schlechtwetter geplagte
Mitteleuropäer. Eine herrliche Landschaft nahm uns auf, unten am Meer
Palmen, Orangenhaine, blühende Sträucher, und von hoch oben grüßten die
schneebedeckten Gipfel des Taurusgebirges. Es begrüßten uns auch die
tüchtigen Verkäufer von Teppichen, Goldwaren und Uhren, Ramsch und
Krimskrams, Raki und osmanischen Pfannen. Immobilienhändler hatten
unglaublich günstige Sonderangebote an Ferienwohnungen und Bauernhöfen, ganz
besonders und nur für uns, da wir so sympathische Leute wären. Selbst als
wir ihnen erklärten, wir hätten bereits auf den kanarischen Inseln, in
Sibirien und auf den Molukken etliche solcher Objekte in Besitz, blieben sie
noch freundlich und gefasst. Die ungemein fröhliche und freundliche
Begrüßung der Autovermieter fand auch dann kein Ende, als ich zum 25. mal
erklärte, keinen Führerschein zu besitzen, nun, dann könnte ich ja einen
Fahrer gleich mitleasen.
Auch ein
stolzer Taxibesitzer, der aufgrund unserer vornehmen Winterblässe
messerscharf schloss, dass wir Neuankömmlinge sind, bot uns seine Dienste
an. Wir könnten ihn samt Fahrzeug für einen ganzen Tag mieten,
einschließlich 100 Kilometer Fahrstrecke, wenn mehr, dann extra Geld.
Pauschal, den ganzen Tag für lächerliche 50 Euro. Man hatte uns einen Tip
gegeben, man solle einfach ratlos und schweigend in die Landschaft schauen,
der Preis würde dann von ganz alleine nach einiger Zeit sinken. Der Tip
stimmte, bei 30 Euro wären wir beinahe ins Geschäft gekommen, aber eben nur
beinahe, denn als wir sein Fahrzeug erblickten, erschauerten wir. Dieses
Gefährt musste schon an den punischen Kriegen teilgenommen haben, dem
Allgemeinzustand nach zu schließen. Also : Neben dem Fahrersitz war kein
Sitz zu sehen, dafür aber eine Holzkiste mit div. Werkzeug drin. Die
Rückbank war backmuldenartig verformt, kleine Sprungfedern lauerten auf die
Touristenrückseiten. Der Kofferraumdeckel war mittels einer Schnur justiert,
der Auspuff mit einem stabilen Draht an der nur halbseitig vorhandenen
Stossstange befestigt. So überflüssigen Kram wie Sicherheitsgurte oder gar
Airbag waren ebenso wenig zu sichten wie ein Heckfenster, da schützte ein
Pappendeckel die Insassen vor neugierigen Blicken. Aber vorne, unterhalb der
Motorhaube war in der Mitte ein fast neuer Nebelscheinwerfer montiert, dies
beruhigte uns sehr. Es waren vier Autoreifen vorhanden, also tatsächlich an
jedem Rad einer, allerdings in verschiedenen Formaten und Zustand. Zwei
ließen erkennen, dass sie früher einmal ein Profil besaßen, die beiden
anderen zeigten stolz ihr Reifengewebe. Es war nicht ganz einfach, dem
freundlich lächelnden Vehikelbesitzer von der Tatsache zu überzeugen, dass
meine Frau eine Autoallergie habe, in Deutschland nur per Kamel am Verkehr
teilnehme, (wobei ich später darüber sinnierte, ob dabei eventuell ich eine
Rolle spielen würde), auf jeden Fall haben wir keinen Kontrakt
abgeschlossen, dies zum offensichtlichen gegenseitigen Bedauern.
Auch die
tapferen Bewacher unseres Hotels waren freundliche Leute, ihnen oblag ja die
Aufgabe, keinerlei Gesindel oder finstere Gestalten auf das weitläufige
Areal unserer Luxusherberge zu lassen. Hier muss ich vorausschicken, dass
unser Hotel eine schöne Auffahrt zum Eingangsportal hatte, auch ein Abzweig
zum hoteleigenen Parkplatz war darin eingeschlossen. Jeder Gast hatte bei
der Ankunft einen Ausweis bekommen, den er mit sich zuführen hatte, um eben
über diese Auffahrt und dieses Portal in sein Domizil zu gelangen. Hatte man
dieses wichtige Papier nicht dabei, so war es nur unter großen
Schwierigkeiten, Rücksprachen, Gesichtskontrolle per Chefportier etc.
möglich, das Hotel zu betreten. Diese Tatsache war sehr beruhigend, fühlte
man sich doch sicher, wie in Abrahams Schoß, ein Service, das bestimmt nicht
jedes Hotel zu bieten hat. Dabei spielte es keine Rolle, dass man vom
Abendspaziergang, vom Strande her kommend, locker durch den rückwärtigem
Eingang das streng bewachte Gebiet betreten konnte, ohne auch nur nach
irgendwelchen Papieren gefragt zu werden.
Zum Kapitel
Tischsitten wäre zu sagen, dass es diese hier und da gibt, manchmal auch gar
nicht vorhanden sind. Ich muss zugeben, dass ich beim zerlegen eines Hummers
große Schwierigkeiten hätte, mir ist nur bekannt, dass die Schalen, selbst
nach stundenlangem kochen, nur schwer essbar sind. Da diese Tiere aber nur
von potenziellen Steuerhinterziehern und anderen Politikern goutiert werden,
entfiel wenigstens dieses Problem für uns. Wir wissen auch, dass beim, oder
nach Verzehren einer Fischmahlzeit, das kleine Schälchen mit Wasser, in dem
eine Zitronenscheibe schwimmt, nicht als Nachtisch gedacht ist. Ebenso ist
uns bekannt, dass Zahnstocher bei Tisch nicht als Fingernagelreiniger
benutzt werden sollten, dies gilt als unfein. Und wer sollte schon etwas
dagegen haben, wenn ein Ehepaar aus Radebeul bei Dresden, wo auch
bekanntermaßen Karl May herkommt, sich Fototasche und Handbeutel mit
Ziegenkäse, Butterpäckchen und gekochten Eiern voll stopft, wenn sie das
Frühstück eingenommen haben. Die Indianer haben ja schließlich auch
Wintervorräte angelegt. Unser Ober, ein ausgesprochen freundlicher Mann,
hatte dies schon längere Zeit beobachtet, ohne jeglichen Kommentar, aber ein
leichtes Kopfschütteln war ab und an zu bemerken. Der Gast ist König, und so
kam er auch eines Tages meinem Wunsche nach, mir aus der Küche zwei rohe
Eier zu bringen, was er sich dabei dachte, konnte man an seiner Miene nicht
ablesen. Ehepaar Hamster aus Sachsen machte sich, wie üblich, nach dem
Frühstück auf den Rundgang zum Büfett, um ihre Behältnisse für die
Mittagszeit zu füllen, schließlich hatten sie ja nur Halbpension gebucht.
Mit vollen Tellern an ihren Tisch zurückkommend, wurden auch die beiden, von
mir platzierten, Eier eingepackt. Es entzieht sich meiner Kenntnis, was an
diesem schönen Tage geschehen ist, Tatsache bleibt, dass keine Eier mehr
eingepackt wurden, und meine Frau sowie ich die absoluten Lieblinge
sämtlicher Frühstückskellner wurden.
Leser und
Leserinnen, Leute, Mitmenschen! Kommt in die Türkei, besucht dieses
freundliche Land! Mit seinen freundlichen Einwohnern.
Wenn Sie
einmal auf einen unfreundlichen Menschen stoßen, so ist dies ganz bestimmt
ein Tourist.
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