Zwei alte Kämpfer
oder - Das unbenagelte Holzbein

Eine Posse

 von Wildolf H. Supper

Eigentlich war es ein Tag wie schon so viele vorher, und niemand ahnte auch nur im geringsten, welche dramatischen Ereignisse hier in der Sportlerkantine geschehen würden.

Nun, der Begriff „Sportlerkantine“ ist bestimmt etwas verwirrend, im kleinen  ehemaligen Vorort und jetzigem Stadtteil von Karlsruhe wurde diese Holzbaracke als Gifthütte bezeichnet. Dies ganz besonders von den Ehefrauen der Stammgäste, die im wesentlichen aus Mitgliedern des kleinen Sportvereins bestanden.

Es war halt so gemütlich hier, jeder kannte jeden, die Preise für Getränke und die wenigen Speisen, die angeboten wurden, waren sehr moderat. Dies war besonders dem freiwilligen Einsatz des jeweiligen Kantinenwirtes zu verdanken, der praktisch ehrenhalber seinen Dienst verrichtete.

So war es auch kein Wunder, dass es oft recht spät wurde, ein Bierchen oder das Viertel Wein nicht so genau gezählt werden musste, die Verfassung der heimkehrenden Gäste natürlich nicht den ungeteilten Beifall des jeweiligen Ehegesponses fand.

 

Die beiden Hauptpersonen jedoch, von denen diese Geschichte handelt, hatten diese Sorgen nicht, denn seit vielen Jahren waren beide Witwer und gute Freunde. Ihr genaues Lebensalter war nicht zu bestimmen, beide zusammen dürften jedoch so zwischen 150 und 160 Jahren alt gewesen sein.

Wenn zur vorgerückten Stunde der Rumpler-Emil und der Klapper-Schorsch ihre Jugend- und Kriegserlebnisse zum besten gaben, dann erhoben sich für geschichtskundige Zuhörer erhebliche Zweifel, dies in bezug auf das Alter der Beiden oder der Wahrheit ihrer Geschichten. Boxeraufstand in China, als blutjunger Fähnrich mitgemacht, oder Schlacht bei Sedan im Krieg 1870/71, in der der Rumpler-Emil das linke Bein verloren haben will, da nahm man dies zur Kenntnis, und freute sich über die Fabulierkunst dieser Rotspornkameraden.

Zudem war den meisten Gästen bekannt, dass der Rumpler-Emil sein Bein einer stattlichen Buche opfern musste, als ihn diese beim Holzfällen traf. Die beiden Freunde waren hier in der Gifthütte als Stammgäste wohlgelitten, denn mit ihren Geschichten und Scherzen, Münchhauseniaden und Lästerliedern trugen sie erheblich zu der oft ausgelassenen Stimmung bei.

Auch ihre skurrile Wette, die sie regelmäßig bei ortsfremden Neuankömmlingen zelebrierten, hatte jeweils zur Folge, dass Getränkeumsatz und die gute Laune rapide anstiegen.

So war es auch an diesem Spätsommerabend, an dem diese Geschichte sich zutrug, die hier erzählt wird. Vier Gleisbauarbeiter der Deutschen Bundesbahn hatten sich eingefunden, um nach Feierabend ihr Bierchen zu trinken und die gewaltigen Portionen Wurstsalat samt Holzofenbrot zu verdrücken. Emil und Schorsch waren in Hochstimmung, denn für sie näherte sich der Zeitpunkt, wo sie sich mindestens eine Flasche des herben, aber ehrlichen Pfälzer Rotweines durch den Gewinn ihrer Wette verdienen konnten.

Diese Wette bestand nämlich in der Behauptung, dass der Schorsch dem Emil einen kleinen Nagel an das Schienbein heften könne, ohne dass sein Spezi auch nur mit der Wimper zucke. Es würde auch kein Blut fließen, weil der Emil bei dem weit zurückliegenden chinesischen Boxeraufstand ein Spezialtraining in Sachen Selbstbeherrschung erworben habe!

Sämtliche Anwesenden nickten bedächtig zu diesen Ausführungen, während die Gleisbauarbeiter dieser mysteriösen Sache keinen Glauben schenken wollten. Die Grundlage der Wette war da, zwei Flaschen Rotwein sahen ihrem nahen Ende entgegen, und der Emil dem Schorsch, der mit dem immer bereitliegenden Hämmerchen und dem Nagel auf ihn zu kam.

Die schon so oft vollzogene Zeremonie begann, Schorsch setzte den Nagel an und schlug kurz und zackig mit dem Hämmerchen zu. Der darauf folgende Schrei und das Tohuwabohu in der Gifthütte sind mit dürren Worten nicht zu schildern, noch Jahre danach wurde davon gesprochen. Es ist schon ein großer Unterschied, ob man einen Nagel an sein Holzbein oder an das Original geheftet bekommt, genau Letzteres war nämlich geschehen.

Dem Erzähler ist nicht bekannt, ob diese Wette nach diesem Abend nochmals wirklich absolviert wurde, nur diese Geschichte kann man, mit einem bisschen Glück, in den Gasthäusern des kleinen Vorortes direkt an der Alb zu Karlsruhe, noch hören.

                            

 

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