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Eine Jeepsafari
erlebt und für die Nachwelt geschrieben von Wildolf H. Supper

Aber Hallo, das war doch mal etwas. Noch nie war meine liebe Ehefrau so schweigsam, wie bei der nachfolgend beschriebenen Jeepsafari. Aus diesem Grunde habe ich beschlossen, nach unserer Heimkehr in das badische Musterländle, mir einen knochenhart gefederten Jeep anzuschaffen.

 

Wenn jemand einen epileptischen Anfall erleidet, so muss man der armen Person sofort ein Stück Holz oder ein Buch zwischen die Zähne klemmen, damit sie sich nicht auf die Zunge beißt, oder sie gar ganz verschluckt. So ungefähr muss man sich die Situation vorstellen, mit der wir uns auseinanderzusetzen hatten. Wir saßen mit angezogenen Knien auf dem kaum vorhandenen Rücksitz eines Suzukihopplers, der sich tapfer durch Geröllhalden, Wasserdurchfahrten und Wege, die keine waren, wühlte.

Nun muss ich noch sagen, dass ich 183 cm in der Höhe bringe, mein Lebendschlachtgewicht bewegt sich zwischen 98 und 104 kg. Dies bekam ich sowie die Rückbank zu spüren. Ich in soweit, als dass ich mir ständig meine hochintelligente Birne am Gestänge oben anschlug, der Rücksitz seinerseits, indem ein Befestigungsscharnier brach

Aber, wie schon des öfteren betont, unsere türkischen Freunde sind Giganten im improvisieren, ein passender Holzklotz war schnell unter den Sitz geschoben und verkeilt, weiter ging’s. Die Situation war nun folgende: Von oben wurde ich beklopft, und von unten bollerte mir der Holzklotz durch die nicht vorhandene Polsterung auf den Allerwertesten. Zwei Tage später ließ sich meine bessere Hälfte zu der süffisanten Bemerkung hin reißen, es gäbe eine Affenart, die würde von hinten auch so aussehen. Zurück in die Natur, die sich grandios darstellte, oben die Bergspitzen des Taurusgebirges mit Schneekappen grüssend, unten das Mittelmeer, am Strand Palmen und Kakteen, dazwischen die Obstbäume, ein schöner Anblick, der zum Verweilen einlud.

Kaum hatten wir dieses Panorama im Fotokasten, erschien ein ergrauter Herr, mit zwei ebensolchen Eseln. Diese machten ein Geschrei, dass es den Anwesenden die Haare in die Höhe zog. Entweder hatten diese Vierbeiner Frühlingsgefühle oder schlichtweg Kohldampf. Ersteres war der Fall, wie sich wenig später zeigte, der Eselmann hätte wenigstens eine Unterhose anziehen können.

Der Beherrscher dieser beiden Vierbeiner bot uns an, die Tiere zu einem kurzen Ausritt zu benutzen, was allerseits dankend abgelehnt wurde. Dafür erhielt er einige Märker, weil er als Fotomotiv fungierte, nur die Esel gingen leer aus.

Weiter ging die Fahrt durch eine wildromantische Landschaft, mit Schwindel erregenden Passagen, über eine Holzbrücke, die zur Zeit der Gründung von Phaselis über die Schlucht erbaut sein könnte, da wäre ich noch nicht einmal darüber gelaufen. Wir erreichten ein Bergbauerndorf mit kleinen, oft recht alten Häuschen und einer Moschee.

Diese durften wir nach Anfrage betreten, nicht ohne vorher die Schuhe ausgezogen und Kopftücher installiert zu haben, wenigstens die Damen.

Der sehr gut deutsch sprechende Tourleiter erklärte uns in dieser Moschee viel über die Religion, die Sitten und Gebräuche dieser Menschen und so manches Vorurteil wurde hier bereinigt. Recht nachdenklich verließen wir diese Stätte der Andacht und Belehrung, um ein Stück weiter eine kleine Gaststätte zu besuchen. Spätestens hier hatte uns die Realität wieder, denn die Preise für Getränke entsprachen der Höhen - sowie der strategischen Lage, die ungemein günstig war.

Im Umkreis von einigen Kilometern war nämlich weit und breit keine Konkurrenz zu sehen. Aber gemach; für uns als reiche Mitteleuropäer war es immer noch sehr preiswert, denn besuchen Sie, verehrter Leser und Leserin, einmal in Oberammergau, auf Sylt oder in Baden-Baden ein Restaurant, hier wäre nämlich der Begriff Wegelagerer angemessen.

Der Durst war gelöscht, es ging weiter, und wir gelangten nach etwa einer Stunde zu einer kleinen Ansiedlung mitten im Bergwald. Einige recht armselige Hütten, etliche Ziegen, Schafe und Hühner sowie eine ganze Menge Kinder begrüßten uns.

Die Kinder hatten schwarze Haare, schwarze Augen, auch die Fingernägel und Füße hatten die gleiche Farbe.

Nachdem sich die erste Befangenheit bei der Rasselbande gelegt hatte, führten sie uns vor, wie man mit einer alten Plastikwanne den Hügel hinunterdonnern kann. Es waren sehr nette und freundliche Kinder, und ihr Geschrei und ihre Begeisterung kannte keine Grenzen, als ich mich anschickte, eben diese Plastikwanne zu besteigen. Daraufhin erschienen etliche Erwachsene, die dieses Treiben etwas misstrauisch beäugten, aber dann recht freundlich lächelten, als unser Tourführer die Lage erklärte hatte. Wir wurden eingeladen, ihr bescheidenes Heim zu betreten, vorher jedoch die Schuhe auszuziehen.

Wir saßen wenig später in einem kleinen und niedrigen Raum auf Kissen und Teppichen im Kreise herum, wo wir für kurze Zeit unter uns waren. Diese Zeit nutzte unser Dolmetscher, Reiseführer und Fahrer in Personalunion, um uns zu erklären, bei wem wir zu Gast waren.

Es handelte sich um Nomaden, die hier in dieser abgelegenen Ecke relativ sesshaft geworden sind. Sie leben vollkommen autark, von ihren Tieren und von Produkten des umliegenden Bergwaldes. Holz für den eigenen Bedarf dürfen sie sich kostenlos beschaffen, ansonsten haben sie keinerlei Rechte oder Pflichten.

Steuern gibt es nicht, von was denn auch. Unser Reisechef bezweifelte, dass die Kinder überhaupt in eine Schule gehen, es ginge sehr rustikal zu. Auch ihre Sprache hätte gewisse Eigenheiten, die nicht der amtlichen türkischen Sprache entsprächen.

Mich erinnerten die Gesichter dieser Leute etwas an die Bewohner Tibets oder ähnlich, dies ganz besonders bei den Älteren.

 

Die Türe ging auf, es erschienen etliche Erwachsene, sowie zwei ganz bezaubernde, kleine Mädchen. Bewaffnet mit Fladenbrot, Tee und einem freundlichen Lächeln boten sie uns diese Dinge an, eine Ablehnung wäre als Beleidigung empfunden worden.

Mit den Händen, (denn mit den Füssen hätte es etwas blöd ausgesehen) riss sich jeder ein Stück von diesem pfannkuchenartigen Brot ab, der Tee wurde knallheiß in dünnen Glastässchen serviert. Über Geschmack soll und kann man nicht streiten, der Eine geht in die Kirche, dem Anderen schmeckt Limburger Käse.

So auch hier, die Meinungen waren geteilt, ich persönlich hatte nichts zu beanstanden, stand mir auch nicht zu. Die beiden Mädchen sorgten dafür, dass die Stimmung etwas persönlicher wurde, mit Händen und Füssen wurde Konversation betrieben, dabei recht viel gelacht. Eine dem Anschein nach mehr als ältere Frau, nennen wir sie " Madame Plissee " = die Vielfältige, gestattete, dass ich einige Fotos machen durfte, etwas, was nicht so ganz selbstverständlich ist, zumindest nicht innerhalb des Hauses.

Mir fiel auf, dass unsere Gastgeber zufrieden und gelöst wirkten, nicht so ganz normal für die Umstände, in denen sie lebten. Wir waren auch darüber informiert, dass wir diesen freundlichen Leuten auf keinen Fall Geld anbieten dürften, dies wäre als Beleidigung ihrer Gastfreundschaft empfunden worden.

Eine Möglichkeit, uns zu bedanken, gäbe es aber, denn die von den Mädchen angebotenen handgeschnitzten Holzlöffel und Deckchen könnten gegen einen Obolus erworben werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass nur die Löffel aus Holz waren, nicht die gehäkelten Deckchen!

Auf diese Art ist meine Herzallerliebste zu einer Bereicherung des Kücheninventars gekommen, auch die olle Blumenvase von Oma hatte nun eine Unterlage. Wir nahmen Abschied, nachdenklich, mit Respekt, wir haben, wieder einmal gezeigt bekommen, dass Kinder und auch eventuell die Erwachsenen, trotz ihrer ärmlichen Situation zufrieden sein können.

Wir stiegen wieder in unsere Folterwerkzeuge, eine Stunde später gab es Mittagessen, im Fahrpreis inbegriffen. Das Mahl bestand aus einer vorzüglichen, vor unseren Augen erschlagenen und dann auf dem Grill zubereiteten Forelle. Es war die beste Forelle, die ich jemals verzehrt habe, auch die Beilagen waren vorzüglich. Da die Getränke extra bezahlt werden mussten, schlug hier die Stunde des Verdienens und mir wurde schnell klar, warum die Forelle so gut gewürzt war. Sei’s drum, leben und leben lassen, und ehrlich gesagt, für den Preis hätte man im Grandhotel sowieso höchstens den Hut ablegen dürfen.

Die Rückfahrt gestaltete sich etwas lustiger, Gestänge und Holzklotz wurden nicht mehr so wahrgenommen, Efes und Löwenmilch zeigten Wirkung. Fazit: Jeder Türkeiurlauber, sofern er nicht gerade von alleine auseinander fällt, sollte so eine Jeepsafari mitmachen, einfach schööööön.

Nachtrag: Dem Fahrer unseres Fahrzeuges erklärte ich einen Trick der deutschen Gebrauchtwagenhändler. Sollte das Getriebe eines Fahrzeuges so schlagen und klappern wie das seines Autos, so nehme man Sägemehl und mische dies in das Getriebeöl, die unwirschen Geräusche werden damit weitgehend unterbunden, man kann das Fahrzeug dann besser verkaufen.

Zwei Tage später wurde unser Fahrer mit einem großen Sack in unmittelbarer Nähe einer Sägemühle gesehen.

 

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