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Mann schneidet seiner Frau das Bein ab
Wir lernten etwa 1995 in Adrasan am Strand einen
türkischen Bootsmann kennen, der mit seinem kleinen Boot Tagesfahren
für Touristen durchführte und damit sein Geld verdiente.
Ein
beliebtes Ziel war eine Insel mit einer Süßwasserquelle , die mit dem
Boot in etwa zwei Stunden zu erreichen war. Die Insel kannten wir noch
nicht und außerdem hatten wir noch nie in den vergangenen Jahren eine
Bootsfahrt an der Küste entlang unternommen und da es ein schöner
Sonnentag war, fuhren wir also los. Zwei Stunden Bootsfahrt boten
ausreichend Zeit zu plaudern, zu fragen und die wunderschöne Fahrt zu
genießen. Während der Bootsfahrt versuchte Ramazan, unser
Bootsführer, Fische zu fangen, die er dann, frisch aus dem Meer
geangelt, zubereitete und uns mit einem köstlichen Salat servierte. An
der Insel angekommen, konnten wir schwimmen, uns sonnen und das
frische, kalte Quellwasser trinken.
Bei der Rückfahrt kamen die üblichen Fragen: wer
wir sind, woher wir kommen, wo wir wohnen und wie lange wir schon die
Türkei kennen? Und dann näherte sich Ramazan langsam der zentralen
Frage: „Wollt Ihr nicht ein Grundstück kaufen?“ „Wir haben schon ein
großes Grundstück, wir haben ein Haus und einen Garten.“ Aber wie es
denn mit Freunden aus Deutschland sei. Nun, ich ließ mich breit
schlagen, außerdem war ich neugierig und nach der Bootsfahrt schaute
ich mir das Grundstück an. Wirklich ein herrliches Stück Erde, an
einem Berghang gelegen, weit von Straßen und den nächsten Häusern,
Wasser war vorhanden, wirklich verführerisch. Ich würde also die
Freunde in Deutschland fragen, aber es sei sehr schwierig, weil das
Grundstück noch nicht im Grundbuch eingetragen war, also noch kein
Tapu hatte.
Wir fuhren dann zu seinem Haus, das in der Nähe gelegen
war und er machte uns mit einer älteren Frau bekannt, seiner Mutter.
Sie sah aus wie über 80 Jahre, das genaue Alter wusste weder er noch
seine Mutter, die auf einer Sitzbank ruhte und ihr linkes Bein
verhüllt hatte. Aber sie sei ungefähr 65 Jahre alt. Und dann erzählten
Ramazan und seine Mutter von früher, als es weder Strom, fließendes
Wasser, Einkaufsmöglichkeiten noch Autos oder Minibusse gab, mit
denen sie in die nächsten umliegenden Orte hätten fahren können. Eine
ärztliche Versorgung gab es so gut wie nicht. Der Arzt in Kumluca,
der nächstgelegenen Kleinstadt, war zur damaligen Zeit nur unter sehr
schwierigen Umständen zu erreichen.
Man hätte mit dem Esel oder zu Fuß dorthin gemusst
und das wäre eine sehr beschwerliche Reise von mehr als sechs Stunden
gewesen. Nach Antalya zu kommen war nahezu unmöglich. Der alte
Handelsweg nach Antalya existierte nicht mehr. Eine Küstenstraße gab
es noch nicht, so dass man nur mit einem Segelboot, das entlang der
felsigen Küste fuhr und mehrere Tage brauchte, Antalya erreichen
konnte. Das hätte aber kaum jemand bezahlen können.
Dann zeigte die Mutter auf ihr verhülltes Bein,
zog die Decke hoch und wir sahen ihren Beinstumpf, der bis zum Knie
reichte. Was war geschehen? Wir erfuhren, dass die Mutter in einem
heißen Sommer von einer wilden Biene am Unterschenkel gestochen worden
war. Das Bein hatte sich entzündet, schwoll an, Fieber kam hinzu. Ein
Arzt war nicht zu erreichen. Ein Transport nach Kumluca oder Antalya
war nicht möglich. Einen Transport mit dem Esel über die Berge nach
dem nächstgelegenen größeren Ort Kumluca hätte die Frau wohl nicht
überlebt. Alle Kräuter, Natursalben halfen nicht, das Fieber ging
nicht zurück, die Entzündung hatte sich mittlerweile auf den ganzen
Unterschenkel ausgedehnt und drohte auch den Oberschenkel zu
infizieren. Mit Zustimmung seiner Frau hatte ihr Mann dann mit einer
Holzsäge das Bein unterhalb des Knies amputiert. Er hat ihr den
Unterschenkel abgesägt.
Das geschah vor etwa 40 Jahren, um 1960 herum.
Auch in diesem Dorf wäre dies heute unmöglich.
Dank des Tourismus haben die Leute Telefon, Auto, es gibt Straßen und
in Kumluca, Kemer und erst recht in Antalya gute Ärzte, die mit einer
einfachen Behandlung der Entzündung Herr geworden wären.
Manche Touristen, vor allem die mit dem Rucksack,
beklagen immer wieder, dass es heute nicht mehr die ursprüngliche
Türkei gäbe. Also eine Türkei mit Holzhäusern, ohne jeden Komfort,
dörfliches ursprüngliches Leben, unberührt vom Touristenstrom, wo
Frauen noch das Wasser aus dem häufig weit entfernten Brunnen holen.
Das lässt sich alles gut fotografieren und man kann die Bilder dann
nach drei Wochen Urlaub zu Hause vorführen und von der richtigen
Türkei schwärmen und dabei über den Tourismus schimpfen, der doch
alles kaputt machen würde und dabei wird vergessen, dass man selber
Tourist ist und nach dem Urlaub wieder in die heile, komfortable Welt
zurückkehrt. Nach ihrer Rückkehr muss man dann bei ihnen Ziegekäse,
Tomaten essen und Tee aus Gläsern trinken und dann gibt es bei ihnen
auch so genannte türkische Abende mit türkischem Essen und
entsprechender Musik und dabei geht es immer sehr ernsthaft zu.
Zweifel an ihrem Türkeibild sind nicht erlaubt, da sie ja keine
Touristen sind, sondern von echten Türken in einem echten türkischen
Dorf zum Tee und einem einfachen aber unglaublich schmackhaften
Abendessen selbstverständlich eingeladen wurden, „bezahlen?, nein das
wäre eine tiefe Beleidigung gewesen“. Diese guten Leute haben wohl
bei ihrem Türkeiaufenthalt irgend welche Weihen empfangen, die es
ihnen erlauben, über die Neckermänner, wie sie empört sagen, zu
schimpfen, die doch mit ihrer touristischen Konsumhaltung die ganze
ursprüngliche Türkei zerstören würden.
Nur: mit Tourismus hätte diese Frau heute
noch ihr Bein und sie hätte nicht diesen fürchterlichen Schmerz
ertragen müssen.
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