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Bürgermeisterwahl
 

   Seit drei oder vier Wochen herrscht im Dorf und in der ganzen Umgebung große Aufregung.  Die Gemeindewahlen in der Türkei stehen an. Die Dorfvorsteher, die Muhtar, werden gewählt. Seit Tagen fahren auf den Hauptstraßen mit Fahnen und Transparenten verzierte Autokolonnen herum. Aus Lautsprechern ertönen verzerrte Parolen, die von den auf Lastkraftwagen mitfahrenden Männern lauthals nachgeschrieen werden. Wenn sich die Autokolonnen verschiedener Parteien begegnen, wird der Lärm zu einem wahren Inferno. Die Fäuste werden geschüttelt, jede Partei versucht die andere zu überschreien, man hat den Eindruck, sie würden gleich übereinander herfallen. Aber alles verläuft friedlich. Gefährlich wird es, wenn eine Kolonne versucht, die Kolonne der anderen Partei zu überholen. Dann gelten die üblichen Regeln im Straßenverkehr nicht mehr. Man fahrt nebeneinander, brüllt sich an, die Lautsprecher sind auf volle Stärke gedreht, die Fahnen werden gegeneinander geschwenkt, verheddern sich und wenn dann eine Fahne der Gegenpartei erobert werden konnte, ertönt lautes Siegesgebrüll. In Wahlzeiten sollte man auf den türkischen Straßen sehr vorsichtig sein. Sieht man eine solche nebeneinander fahrende Kolonne auf sich zukommen, dann ist es ratsam, rechts ran zu fahren, zu stoppen, das Auto zu verlassen und sich im Straßengraben in Sicherheit zu bringen.

Der Muhtar unseres Dorfes besucht jetzt jeden Freitag die Moschee, betätigt sich als Vorbeter und vom  Minarett ist seine Stimme zu hören.

Jeden Abend versammeln sich in seinem Haus die Männer des Dorfes, um die Dorfpolitik zu bereden. Es geht um einen dringend erforderlichen Trinkwasseranschluss, um einen Straßenausbau, um eine Verbesserung des Transportwesens für die Kinder zur nächsten Schule. Also um Dinge, die die Lebensverhältnisse im Dorf verbessern sollen. Was hat der Muhtar in der Vergangen für diese und andere Probleme getan und was sind seine Vorstellungen dazu für die weitere Zukunft.

    Die Zuständigkeiten des Muhtars sind im türkischen Dorfgesetz geregelt. Er wird für fünf Jahre gewählt, hingegen die Abgeordneten für das türkische Parlament in Ankara für vier Jahre und der Staatspräsident von den Abgeordneten des Parlamentes für sieben Jahre gewählt werden.

In den sogenannten Wald- oder Landdörfern können die anerkannten Parteien keine Vertreter stellen. Die Parteien treten also mit ihren Vertretern nicht zur Wahl an, sondern es werden parteienunabhängige Personen gewählt, die allerdings Mitglied einer Partei sein können. Gewählt werden der Muhtar und fünf Personen, die mindestens 20 Jahre alt sein müssen und den Dorfrat  (Ältestenrat-Ihtiyar meclisi) bilden. Der entscheidet zusammen mit dem Muthar über alle internen Dorfangelegenheiten, so zum Beispiel:  Reparatur der Dorfschule oder die Verfügung über die Dorfkasse. Die Dorfkasse wird nicht mit staatlichen Zuwendungen oder Fördermitteln finanziert, sondern es sind  Gelder, die mit Holzverkäufen, oder, wie in unserem Dorf, aus Parkgebühren, die von einem Parkplatz an einem historischen Gelände stammen, erwirtschaftet werden. Aus dieser Dorfkasse können auch Dorfpolizisten bezahlt werden, die über die Sicherheit des Dorfes wachen. Bei Grundstücksverkäufen bestätigt der Muhtar zusammen mit dem „Ältestenrat“ den ordnungsgemäßen Ablauf des Verkaufes.

 

Mit seinem Amtssiegel und seiner Unterschrift beglaubigt der Muhtar einen Sterbefall oder die Geburt eines Kindes.

     Vom Agrarministerium in Ankara gibt es in besonderen Fällen Geld zur Unterstützung der Bauern. Über die Verteilung dieser Gelder entscheidet der Muhtar zusammen mit seiner gewählten Gruppe.

     Für seine Tätigkeit erhält der Muhtar eine Aufwandsentschädigung, die alljährlich vom Innenministerium in Ankara festgelegt wird. Zur Zeit beträgt sie ca. 450 neue türkische Lira, etwa 250 Euro.

In besonderen Situationen kann der Muhtar vom Vali, dem Regierungspräsidenten, entlassen werden, der dann einen neuen Muhtar einsetzt. Nach 25 Jahren Dienstzeit erhält der Muhtar eine staatliche Rente. Wenn er z.B. 15 Jahre als Angestellter oder Arbeiter in eine Sozialversicherung eingezahlt hat und dann 10 Jahre als Muhtar tätig ist, werden diese 15 Jahre angerechnet.

Ein Muhtar kann für sein Dorf sehr viel erreichen. Entsprechend hoch ist sein Ansehen und das seiner Familie. Selbst wenn er abgewählt wird, hat diese Niederlage sein Ansehen nicht allzu sehr geschmälert. Man spricht dann vom „eski Muhtar“, vom „alten oder früheren Muhtar“.

 

In unserem Dorfbereich mit seinen sieben Kleindörfern wohnen zur Zeit (September 2004) rund 1200 Einwohner. Da Wahlpflicht besteht, ist die Wahlbeteiligung natürlich sehr hoch. Wer nicht zur Wahl geht, muss eine Geldstrafe bezahlen. Aber die ist unerheblich.

     Die Aussichten für eine Wiederwahl des jetzigen Muhtars sind kritisch. Er hat viel für das Dorf getan. Die Straßen wurden verbessert. Es gibt jetzt eine Straßenbeleuchtung an der größeren, viel befahrenen Straße, die zwar nicht immer, aber doch vor allem tagsüber funktioniert. Häufig war er in Ankara und in Antalya, um das wichtigste Probleme, die Wasserversorgung, zu verbessern. Noch immer gibt es keine Wasserleitung und die Brunnen sind im Sommer nahezu trocken. Vor allem aber gibt es zu wenig Wasser, um die Treibhäuser bewässern zu können. Der Winterregen in den letzten Jahren wurde immer weniger, um im Sommer ausreichend Wasser zu haben. Seit Jahren schon ist geplant, in den Bergen Zisternen zu bauen, um den Regen aufzunehmen und ihn nicht in Sturzbächen ins Meer laufen zu lassen. Hinzu kommt, dass auch der Tourismus in den letzten Jahren in diesem bislang stillen und nahezu unberührten Tal überaus stark zugenommen hat. Überall sind kleinere und größere Pensionen gebaut worden und der Wasserverbrauch im Sommer ist so stark gestiegen, dass die Brunnen schon zu Beginn des heißen Sommers kaum noch Wasser hergeben. Die Touristen beschweren sich, sie wollen mehrmals am Tag duschen, das Wasser ist nicht in diesen Mengen vorhanden und das löst erheblichen Ärger aus und der Muhtar wird dafür verantwortlich gemacht.

 

   Der jetzige Muhtar hat sich auch vieler, persönlicher Probleme angenommen. Er ist auch Berater in manchen familiären Schwierigkeiten und wichtigen Fragen, die die Interessen von Familien existentiell berühren. Nicht zuletzt hat er bei Hochzeiten ein wichtiges Wort mitzusprechen. Aber er ist mittlerweile seit zwei Wahlperioden im Amt und die Leute meinen wohl, es sei jetzt an der Zeit, einen neuen Mann zu wählen. Außerdem soll wohl die Familiendynastie beendet werden. Seit Vater war schon über lange Jahre Muhtar.

     Es ist also spannend. Der Tag der Wahl rückt näher. Handzettel werden ausgeteilt, Plakate, die in den früheren Wahlen nie zu sehen waren, werden geklebt, Freunde mobilisiert, abends wird noch mehr Tee getrunken und die Diskussionen im Dorf werden hitziger. Das Interesse an der Wahl und an der „Kommunalpolitik“ ist sehr groß, denn die Dorfpolitik berührt die unmittelbaren Bedürfnisse der Bewohner und manche Entscheidungen haben das Alltagsleben verändert.

Dann ist Wahltag. Die Wahlkabinen sind in der Schule aufgebaut. Die Stimmabgabe wird, wie auch in Deutschland, kontrolliert.

Draußen, vor dem Wahllokal sitzen die Leute in zwei Gruppen aufgeteilt. Hier die Anhänger des alten Muhtars und ihnen gegenüber die Unterstützer des Konkurrenten. Die Frauen sitzen in einer dritten Gruppe zusammen und haben sich nicht nach jeweiligen Fraktionen aufgeteilt. Es wird viel erzählt, man geht aufgeregt hin und her, das Ende der Stimmabgabe rückt langsam näher, der Muhtar ist nervös. Er hat kein gutes Gefühl, aber vielleicht gelingt es ihm auch zum dritten Male, die Wahl zu gewinnen. Dann ist 18.00 Uhr. Das Wahllokal wird geschlossen, die Stimmenauszählung beginnt. Vertreter des jeweiligen Kandidaten gehen ins Wahllokal und kommen mit Zwischenberichten zurück. Es sieht nicht gut aus für den noch amtierenden Muhtar. Mittlerweile ist fast das ganze Dorf versammelt. Man will das Wahlergebnis selber hören. Und dann erscheint der Wahlleiter. Sofortige Ruhe. Das Wahlergebnis wird vom Wahlleiter verkündet: Von 600 Wahlberechtigten oder auch Wahlpflichtigen haben 200 für den alten Muhtar und 380 für seinen Gegenkandidaten gestimmt. Damit gibt es in Yazır Köyü einen neuen Muhtar. Der damit abgewählte Muhtar sitzt wie versteinert. Zwar hatte er schon seit Tagen immer wieder verlauten lassen, es sähe nicht gut aus und hatte seine Wahlanstrengungen gesteigert. Aber mit dieser vernichtenden Niederlage, mit dieser persönlichen Schmach hatte er nicht gerechnet. Er steht auf, geht auf seinen Gegenkandidaten zu, gibt ihm die Hand und wünscht ihm alles Gute. Die Anhänger des jetzt abgewählten Muhtars begleiten ihn auf seiner Fahrt zu seinem Elternhaus.

 

Auch sein Vater, der alte Ömer, war vor vielen Jahren abgewählt worden. Ferhat, der abgewählte Muhtar, sitzt im Kreise seiner Freunde. Er weint, wie auch sein Vater geweint hatte. Die Freunde trösten ihn. Auch Nazmiye, seine Frau, die immer sehnlichst das Ende seiner aufreibenden Muhtartätigkeit herbeigewünscht hatte, kann das Ergebnis nicht fassen. Es ist diese tiefe, persönliche Niederlage, die so schmerzt. „Das hat er doch nicht verdient“, meint sie. „Wie oft war ich in den letzten 10 Jahren alleine, wenn er in Ankara war, wie oft habe ich Tee kochen und seine Gäste bedienen müssen, immer war er unterwegs“.

Zwei Tage später übergibt der alte Muhtar in seinem Wohnzimmer unter Zeugen dem neuen Muhtar die Amtsgeschäfte. Der Kassenbestand wird geprüft, Unterlagen erklärt und dann überreicht er dem neuen Muhtar mit tieftraurigem Gesicht das sehr alte eiserne und unleserliche Amtssiegel, das er wie alle seine Vorgänger in einer kleinen Ledertasche ständig mit sich trug und mit dem er alle seine Unterschriften und Amtsgeschäfte beglaubigte und das seine Autorität symbolisierte. Das Überreichen des Amtssiegels ist für Ferhat mehr als nur ein Ritual. Er verliert damit ein Teil seiner Identität und das ist ihm wohl erst durch das Abgeben dieses Siegels bewusst geworden.      

Später spricht er davon, nie mehr Muhtar sein zu wollen. Endlich könne er sich jetzt ganz seinen Treibhäusern, seiner Familie und dem Bau von Holzhütten in seinem Garten widmen. Er  will sich jetzt am Tourismusgeschäft beteiligen. Auf seiner neuen Visitenkarte steht jetzt unter anderem  „Acar-Pension, Restaurant, Bungalows“.

Aber seine Niederlage hat er immer noch nicht verwunden. Denn bei der nächsten Wahl will er wieder kandidieren. Er will es noch einmal wissen, sagt er, leicht verschämt grinsend, einige Wochen später.

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