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Ferhat und Nazmiye,
eine türkische Familie

1987 bauten wir unser Haus in
Yazır Köyü.
Dieses kleine Dorf
liegt etwa 110 km von Antalya entfernt an der türkischen Südküste am
Rande des Taurus-Gebirges. Der gesamte Dorfbereich besteht aus sieben
Kleindörfern, die sich über ein weit auseinander gezogenes Tal bis
hinauf zum beginnenden Hochland erstrecken. Unser Kleindorf, in dem
wir wohnen, besteht aus ca. 10 Häusern und nennt sich
Comaklı
(übersetzt: mit Keule, mit
Streitkolben). Nach der lokalen Legende soll ein Riese im Streit
eine Keule vom Götterberg, vom Tahtalı dağı, dem mit
2366 m höchsten Berg im Taurusgebirge, hinunter ins Tal geworfen haben
und dieser Streitkolben habe eine große Senke, die auch heute noch zu
sehen ist, hinterlassen.
Das neben uns liegende Kleindorf hat
den Namen kilisi yakası (neben der Kirche) und hatte, als wir
unser Haus bauten, ebenfalls etwa 15 kleine Häuser. Dort muss es
ursprünglich eine christliche Kirche gegeben haben, von der wir
allerdings keine Überreste mehr gesehen haben. Sehr wahrscheinlich
sind die Steine in den vielen Jahrhunderten für den Bau von Häusern
genutzt worden. Der Name für diese Stelle hat sich aber über die
Jahrhunderte hinweg gehalten. Da, wo also höchst wahrscheinlich eine
Kirche einmal gestanden hatte, wurde 1989 die Moschee mit Hilfe und
Unterstützung der gesamten Dorfbevölkerung gebaut. Es wurden
Baumaterialien gespendet oder aber beim Bau tatkräftig mit Hand
angelegt. Natürlich wurden auch wir um Mitarbeit oder aber um Spenden
gebeten. Es wäre völlig unmöglich gewesen, sich zu verweigern, also
bestand schließlich unser Spendenanteil aus mehreren Säcken Zement.
Freitags, gegen 12.00 Uhr treffen sich die Männer an der Moschee zum
Freitagsgebet. An einem Brunnen nehmen die Männer vor dem Gebet eine
rituelle Waschung vor. Zunächst werden die Hände bis einschließlich
der Handgelenke gewaschen, dann spült man den Mund aus, reinigt die
Nase durch Inhalieren und Ausblasen von Wasser, wäscht sich das
Gesicht, danach den rechten und linken Unterarm vom Ellbogen bis zum
Handgelenk, fährt sich dann mit nassen Händen über das Kopfhaar und
wäscht den rechten und anschließend den linken Fuß einschließlich der
Knöchel.
Für das
Gebet gibt es keine besondere Kleidung. Das Freitagsgebet nimmt aber
in den fünf täglichen Gebeten, namaz, die der gläubige Muslim
betet, eine Sonderstellung ein. Die täglichen Gebete können an jedem
Ort und zu jeder Zeit verrichtet werden. Dies ist beim Freitagsgebet
nicht möglich. Es muss in Gemeinschaft und in der Moschee erfolgen.
Allerdings sind dazu nur die Männer verpflichtet. Die Frauen sind
davon befreit.
Was
Kleidung generell angeht, werden gewisse Grundregeln nicht verletzt.
Für Männer und Frauen gilt, dass die Kleidung den Körper verhüllen
muss und die Körperformen nicht betont werden. Die Dorffrauen tragen
Pluderhose und das Kopftuch sicherlich nicht aus religiösen sondern
aus traditionellen und sehr praktischen Gründen.
So sind
z.B. die weit wallenden, luftigen Pluderhosen im heißen Sommer
angenehm kühl.
Die
Art, in der sich viele Touristen kleiden, ist gerade für die Türken in
den dörflichen Gebieten der Türkei beleidigend, erst recht, wenn im
Sommer am Strand, der ja auch von türkischen Familien benutzt wird,
viele Touristinnen meinen, ihren nackten Oberkörper zeigen zu können.
Wir wohnen etwa vier Kilometer vom Strand entfernt. Die türkischen
Nachbarn vermeiden es, ans Meer oder zum Strand zu gehen.
Offensichtlich wollen sie sich den dortigen Strandgepflogenheiten
nicht aussetzen.
Es gibt
kein Frühstück mehr bei unseren Nachbarn Nazmiye und Ferhat. Ramadan,
der Fastenmonat, rückt näher. Die Fastenzeit verschiebt sich von Jahr
zu Jahr. Das hängt mit der anderen islamischen Zeitrechnung zusammen,
die sich nach dem Mondjahr richtet. Die Jahre sind um 10 bis 11 Tage
kürzer als im Sonnenjahr. Deshalb findet das Fasten im Monat Ramadan
in Bezug auf das Sonnenjahr immer zu einer anderen Zeit statt. Wenn
der Fastenmonat in den Sommer fällt, bedeutet die tägliche
Enthaltsamkeit von Speisen und Getränken von Beginn der morgendlichen
Dämmerung bis zum Einbruch der Nacht eine besondere Herausforderung.
In dieser Sommerhitze den ganzen heißen Tag nichts zu trinken,
ist schon äußerst leidvoll.
Im
Ramadan stehen unsere Nachbarn sehr früh auf. Gegen 03.30 Uhr, also
vor der morgendlichen Dämmerung nehmen sie eine umfangreiche Mahlzeit
ein und trinken vor allem so viel, dass es für den ganzen Tag reichen
soll. Deshalb also kein gemütliches Frühstück mehr gegen acht Uhr.
Für die
Kinder ist es eine große Ehre, wenn sie 13 oder 14 Jahre geworden
sind, endlich auch am Ramadan teilnehmen zu können. Vorher haben sie
schon auf ihr Bitten hin tageweise gefastet, um zeigen zu können,
dass sie doch auch schon fast erwachsen sind. Endlich haben sie es
dann geschafft. Voller Stolz erzählen sie, dass sie selbstverständlich
auch beim Ramadan mitmachen und dass es ihnen gar nichts ausmacht,
tagsüber nichts zu essen und zu trinken. Wenn dann endlich die
Abenddämmerung näher rückt und die Uhr das Ende des Fastentages
anzeigt, wird alles an Essen nachgeholt, was tagsüber nicht möglich
war. Diese erste Mahlzeit am Abend wird häufig mit Nachbarn und
Verwandten gemeinschaftlich begangen und zieht sich bis spät in den
Abend oder die Nacht hinein.
Die 30-tägige Fastenzeit findet ihren
Abschluss mit dem heiß ersehnten dreitägigen Zuckerfest (Şeker
bayramı). Es ist eines der beiden Hauptfeste des Islam. Am ersten
Morgen des Zuckerfestes wird die Moschee besucht, um dort das
gemeinsame und besondere Gebet dieses großen Festtages zu sprechen.
Der
Besuch der Moschee ist an diesem Tag, wie auch das Freitagsgebet, für
Männer obligatorisch, während es den Frauen freigestellt ist. Dieser
erste Tag ist der große Besuchstag. Man besucht die Verwandten und es
werden eine Menge an süßen Gerichten angeboten und viele Süßigkeiten
verteilt. Man macht sicht gegenseitig Geschenke und beschenkt auch die
Ärmeren im Dorf. Viele Frauen verzieren ihre Hände mit Henna und
sowohl Männer als auch Frauen ziehen sich besonders schöne oder neue
Kleidung an. Auch das Haus wird gründlich aufgeräumt und gesäubert.
Insgesamt wohnen im gesamten Dorfbereich etwa 1200 Einwohner, die alle
vom Gemüseverkauf leben, das anfangs in Plastiktreibhäusern und seit
wenigen Jahren mehr und mehr in Glastreibhäusern gezogen wird. Das
Gemüse wird nach Antalya geliefert wird oder aber dient auch der
Selbstversorgung.
Elektrischer Strom war erst 1982, anlässlich eines Jahrestages von
Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen türkischen Republikgelegt,
worden. Telefon. Fernsehen und Radio gab es nicht. Aber die
allgemeinen Lebensverhältnisse hatten sich im Jahre 1987 schon sehr
verändert. Noch Ferhats Großvater zog jedes Jahr im Sommer mit der
Familie und den Nachbarn und dem gesamten Hausrat, der auf Ochsen und
Eseln oder auch Kamelen geladen
werden konnte, hoch ins Gebirge, auf die Sommerweide, die Yayla,
weil es dort in 600 bis 800 Meter Höhe angenehmere Temperaturen und
vor allem Wasser gab.
Frisches, klares und eiskaltes Wasser aus dem
Taurus. Im Frühjahr wurde dort oben Sommergetreide ausgesät, das dann
im Sommer geerntet werden konnte. Erst im Herbst, wenn es auf der
Yayla zu kalt wurde und die Regenzeit einsetzte, zog er mit seinem
Hausrat wieder hinunter ins Tal.
Während
des unerträglich heißen Sommers bei Temperaturen bis zu 45 bis 50 Grad
in der Sonne hielt sich damals im Tal kaum jemand auf. Es wuchs
nichts mehr, da es für den Gemüseanbau zu heiß war und die wenigen
Brunnen trocken waren.
Im
Jahre1982 änderte sich im Dorf vieles. Nicht nur, weil elektrischer
Strom in die Häuser gelegt worden war, sondern vor allem, weil ein
holländischer Agronom, der im Auftrag der türkischen Regierung als
Berater tätig war, den Bauern vorschlug, Treibhäuser zum Gemüseanbau
zu bauen. Dazu war es aber zunächst erforderlich, ein
Bewässerungssystem zu entwickeln, das ohne elektrisch angetriebene
Pumpen funktionieren musste. Oben in den Bergen gab es Wasser in Hülle
und Fülle. Unten im Tal hingegen war es von April bis November
staubtrocken. Die wenigen Regenfälle reichten für die Landwirtschaft
einfach nicht aus. Es wurden also Kanäle und schmale Abflüssen gebaut,
die das Wasser ins Tal leiteten. Nach einem genau ausgearbeiteten und
abgestimmten System bekam jeder Bauer alle 14 Tage soviel Wasser, dass
es das Ackerland überschwemmte, in den Boden einsickerte und somit
die Treibhäuser mit dem erforderlichen Wasser versorgte. Damit
veränderten sich die Lebensbedingungen. Man konnte mehr Gemüse anbauen
als es für den Eigenbedarf erforderlich war und vor allen Dingen
verkaufen.
Fortsetzung
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