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Pilgerfahrt nach Medina - Mekka

 

Bei Ferhat , meinem Nachbar, werden zwei Ziegen geschlachtet. Irgendein wichtiges Ereignis deutet sich an. Mehr und mehr Männer aus dem Dorf und den näher liegenden Häusern kommen zusammen, um beim Schlachten zuzuschauen oder aber Hilfsdienste zu leisten.

Die Ziegen werden von Celal, Nazmiye`s Bruder, nach alter türkischer Tradition geschlachtet. Die Füße werden zusammengebunden, die Ziegen werden auf die Erde gelegt. Celal spricht auf arabisch einen Segensspruch und dann schneidet er mit einem langen, sehr scharfen Messer der Ziege die Kehle durch. Die Ziege zappelt für einen kurzen Moment und blutet aus. Ismet, Nazmiyes Schwager, schneidet dann die Haut an den Hinterkufen auf, drückt seinen Mund auf das entstandene Loch und bläst die Ziege auf. Es entsteht so eine Art Luftpolster zwischen Fell und Fleisch, so dass das Fell der Ziege, die an den Hinterbeinen aufgehangen worden war, leichter abgezogen werden kann.

Ich frage Nazmiye, Ferhat`s Frau, was denn los sei und sie erzählt mir, dass am 15. Januar kommenden Jahres der hoca, der Imam des Dorfes, zu einer Pilgerfahrt nach Medina, also nach Mekka, aufbricht und in Mekka vier Wochen bleiben wird. Er fliegt von Antalya oder Istanbul nach Mekka. Anlässlich seiner Pilgerfahrt hat der hoca für die Dorfbevölkerung zwei Ziegen gestiftet, die nun geschlachtet werden.

Aber am nächsten Tag wird mir erzählt, dass, dass nicht der hoca sondern Izmet und seine Frau Esmere die Pilgerfahrt machen und nicht zwei sondern vier Ziegen geschlachtet worden seien.

Zwei Ziegen werden bei Ferhat und zwei Ziegen bei Izmet zubereitet.

Bei Ferhat, unserem Nachbarn, sind mehrere große Kessel auf dem Feuer und es wird eifrig gekocht und vorbereitet.
 

400 bis 500 Gäste insgesamt werden erwartet. Ich vermute, dass das Fest auch wieder nach türkischer Tradition begangen wird: in einem Haus die Männer und im anderen Haus die Frauen. Aber das werde ich ja noch verfolgen können. Ich frage, was es denn geben wird. Also: es gibt: Suppe, Reis, gefüllte Paprika, Huhn, große Fleischstücke aus den Hinter- und Vorderläufen, eine Art Gulasch, Salat , Helva, eine türkische Süßspeise, süßen Reis und viel, viel Brot.

Gegen 13.00 Uhr sind ungefähr 250 Leute versammelt. Die Frauen sitzen getrennt von den Männern im Nebenraum und weil der Regen aufgehört hat, sitzen die Männer im Garten am Tischen oder im Restaurant nach türkischer Sitte auf dem Boden. Vier oder fünf junge Männer bedienen die Gäste und aus den großen Kesseln schöpfen die Frauen die Gerichte auf die Teller.

Ismet und seine Frau Ezmere fahren also im kommenden Jahr am 15. Januar nach Medina, um vier Wochen als Pilger dort zu verbringen. Wenn sie zurückkommen,  darf Ismet dann eine weiße gestrickte Kappe auf dem Kopf tragen und ist damit ein hoch angesehener Mekkapilger, ein hacı, ein Hadschi.

Warum fahren Sie nach Mekka, frage ich die beiden. „ Wir wollen Allah für unser Leben danken“, antwortet Ismet.

Ihr Leben war schwer. Sie haben zwei Söhne: Einer ist gemütskrank und der andere arbeitet in einem Hotel in Kemer, eines der türkischen Touristenzentren. Izmet fährt mit seinem Kleinbus Touristen von Antalya nach Olympos und kann sich damit so gerade über Wasser halten. Sie wohnen auf dem Nachbargrundstück in einem kleinen Holzhaus. Im Garten ziehen sie Gemüse für den Eigenverbrauch. Das ist ihr Leben und dafür danken sie Allah.

 

Mittlerweile haben die Frauen, die mit Kopftüchern und wallenden Hosen traditionell gekleidet sind, ihren Platz im Haus verlassen und bleiben auch draußen unter sich. Die Männer sitzen an den Tischen oder auf dem Boden im Restaurant  und unterhalten sich. Sie sprechen über die Gemüsepreise, über die sinkenden Erlöse, die sie erzielen, über ihre Kinder, die weiterführende Schulen besuchen und die sie gerne im Tourismusgeschäft unterbringen wollen. Ein eigenes Hotel, eine eigene Pension mit vielen Gästen im Sommer aus Europa und den englischsprechenden Ländern, das ist ihr Traum.

Nach etwa vier Stunden gehen die ersten Gäste. Es wird aufgeräumt, gespült, geredet. Das ganze Dorf war anwesend und hat am Leben von Izmet und Ezmere und an ihren Zukunftsplänen teilgenommen.

 Wenn sie im Februar nächsten Jahres, von ihrer Pilgereise zurückkommen, werden sie berichten und vielleicht wird Ismet, der hacı, ein Ratgeber in persönlichen Angelegenheiten werden.



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