Die Geschichte beginnt mit einer Autofahrt, die wir von unserem Dorf
mit Ömers Auto nach Kumluca unternehmen wollten. Ferhats Vater, Ömer,
war zu der Zeit, als die Geschichte sich abspielte, der einzige
Autobesitzer unseres Dorfes. Hin und wieder konnten wir uns sein
Auto, einen uralten türkischen Fiat ausleihen, wenn wir einmal eine
Fahrt unternehmen oder einen größeren Einkauf tätigen wollten. An
dem Tag hatten wir vor, mit Önder, meinem früheren türkischen
Arbeitskollegen, nach Kumluca zu fahren, einer typischen türkischen
Kleinstadt, die vor allem vom Obst- und Gemüsehandel lebt, um dort
unsere üblichen Wocheneinkäufe zu machen. Önder verbrachte zur
gleichen Zeit wie wir in seinem Haus im nicht weit entfernten
Tekirova, einem kleinen idyllisch an der Küste gelegenen Dorf und
einem heutigen Touristenzentrum, seinen Urlaub. Der Weg nach Kumluca
war damals beschwerlich. Eine alte, mit Schlaglöchern übersäte
einfache Straße, die in zahllosen Kurven und engen Wegpassagen über
die kleinen Dörfer nach Kumluca führte.
Ömers Auto war grandios.
Eigentlich
funktionierte nichts. Aber es fuhr. Meistens. Abgefahrene Reifen,
zerbeulte Kotflügel, zerschlissene Polster, denen man ansah, dass
alles, aber auch alles in diesem Auto schon einmal transportiert
worden war. Die Handbremse war außer Betrieb und die Fußbremse
funktionierte nur hin und wieder. Das Gaspedal musste mit einem
Stück Seil wieder zurückgezogen werden, wenn man es bedient hatte.
Aber irgendwie sind wir immer, wenn Ömer es uns ausgeliehen hatten,
wieder gesund und heil zurückgekommen.
Önder besuchte uns manchmal. Das heißt, wir mussten ihn mit
Ömers Auto abholen, da Önder aus unerfindlichen Gründen sich
weigerte, den kleinen Personentransporter, den Dolmusch, zu benutzen
und die letzten Kilometer zu uns hin zu Fuß zu gehen. Das ist umso
unerklärlicher, da Önder nach seinen Aussagen in seiner früheren
Jugend das Sportidol in der Türkei gewesen war. Er war einer der
aggressivsten Spieler in der Fußballmannschaft von Ankara,
berüchtigt wegen seiner undurchschaubaren Attacken auf gegnerische
Spieler. Während seiner Armeezeit war er sowohl ausgebildeter
Kampfschwimmer als auch einer der wagemutigsten Bergsteiger.
Umso unerklärlicher war es für uns, dass er sich weigerte,
die wenigen Kilometer von der Hauptstraße zu uns hin zu Fuß zurück
zu legen. Wir holten ihn also ab und offensichtlich war sich Önder
nicht darüber im Klaren, dass eine Fahrt mit Ömers Auto mehr Mut,
mehr Ausdauer erforderte, als seine unvergesslichen Bergtouren auf
den immer tief verschneiten Berg Ararat in Ostanatolien.
Die ersten Kilometer unserer Fahrt nach Kumluca legten wir
ohne Schwierigkeiten zurück. Dann aber fing unser Auto an zu
stottern, es ruckelte, es stank nach verbranntem Gummi und dann ging
nichts mehr. Wir machten noch die Motorhaube mit einigen
Schwierigkeiten auf und sahen, dass ein Draht von der Batterie zu
irgendeinem anderen Teil glühte. Auch nach längerem Warten und
mehrfachen Versuchen, das Auto zu starten, rührte sich nichts mehr.

Uns blieb also nichts anderes übrig, als zu versuchen, ein
Auto anzuhalten, um eine Werkstatt zu erreichen. Ein Auto kam nicht,
wohl aber näherte sich nach längerer Zeit ein Motorrad, das nicht
wie sonst in der Türkei mit Frau, zwei Kindern und sogar einer
Ziege, durch die Gegend fuhr, sondern nur vom Fahrer gesteuert
wurde.
Önder weigerte sich allerdings beharrlich, als das Motorrad
hielt, mitzufahren. Erst nach längeren Verhandlungen, erklärte er
sich bereit, aufzusteigen und sein weiteres Schicksal dem Fahrer des
Motorrades anzuvertrauen. Das heißt, Önder stieg nicht auf, sondern
er erkletterte den Soziussitz, aber er erkletterte ihn auch nicht,
sondern versuchte sich irgendwie hoch zu schieben, ohne die
Bodenhaftung zu verlieren. Mit beiden Armen umklammerte er den
Fahrer, zog sich hoch, bzw. wurde von mir eher hochgeschoben und
endlich hatte er so etwas wie eine Sitzhaltung eingenommen. Und dann
ging die Fahrt mit dem Motorrad los. Nach wenigen Metern fuhren sie
in Schlangenlinien. War der Fahrer vielleicht betrunken und wir
hatten nichts davon bemerkt? Wir hörten Önder noch mehrfach schreien
und wie der Fahrer später erzählte, schrie Önder gellend, und dann
waren sie um die nächste Kurve entschwunden. Nach mehreren Stunden
näherte sich von Kumluca ein Auto, hielt bei uns und Önder stieg aus
zusammen mit dem Motorradfahrer und einem weiteren Mann, der später
anfing, unser Auto zu untersuchen.
Was war geschehen? Nun, die Berichte waren stark
unterschiedlich. Önder, als ich seine Schreie zu Beginn der Fahrt
mit dem Motorrad ansprach, interpretierte sie als Anfeuerungsrufe,
hingegen der Motorradfahrer sich an Angstgeschrei zu erinnern
meinte. Die Gendarmerie war von aufgeschreckten Dorfbewohnern, die
die Fahrt gesehen und die gellenden Schreie Önders gehört hatten und
eine Entführung vermuteten, benachrichtigt worden und im nächsten
Dorf hatte die Gendarmerie eine Straßensperre aufgebaut, um die
vermeintliche Entführung zu verhindern. Man muss sich das
vorstellen: Önder schreiend auf einem Motorrad sitzend und auf
eine Straßensperre zufahrend, hinter der mit Maschinenpistolen
bewaffnete Gendarmen standen, den Finger am Abzug, um mit
Waffengewalt einen Durchbruch und die Entführung zu verhindern.
Der Motorradfahrer war aber wohl der einzige, der mit der
Situation zurecht kam. Er fuhr langsamer, versuchte zu halten, aber
dies gelang nicht, weil Önder als ehemaliger türkischer Offizier
nicht so einfach absteigen wollte, sondern wohl in Erinnerung an
seinen Vater, der als Reitergeneral in Armenien 1924 für Furore
gesorgt hatte, aber dies ist eine andere Geschichte, in aufrechter
Haltung versuchte, vom fahrenden Motorrad abzuspringen. Dies
misslang allerdings völlig. Er schrammte über die Straße, rutschte
bis zur Straßensperre und soll in Panik gesagt haben. „ Bitte ein
Kölsch, aber ein großes.“ Nun, die Angelegenheit klärte sich auf und
beide konnten bis nach Kumluca weiterfahren, hatten eine
Reparaturwerkstatt gefunden und waren dann mit dem Auto des
Werkstattbesitzers zurückgekommen.
Der Fehler an unserem Auto war schnell gefunden, so dass wir,
wenn auch später als beabsichtigt, in Kumluca unsere Einkäufe
erledigen konnten.
Einige Zeit danach hieß es gerüchteweise, Önder hätte in
früheren Jahren als verwegener Rallye-Crossfahrer bei Spezialrennen
in Ostanatolien mehrere Pokale gewonnen. Ich weiß nicht, wer dieses
Gerücht in Umlauf gebracht hat. Aber es hielt sich hartnäckig. Es
heißt auch, Önder würde seit einiger Zeit bei seinen Einkäufen auf
dem Wochenmarkt eine lederne Motorradkappe tragen. Ob das nun dieses
Gerücht verstärkt hatte, vermag ich nicht zu beurteilen