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Özgür heiratet
Wir hörten es nur
zögerlich, gewissermaßen hinter vorgehaltener Hand. Man soll ja nicht
darüber reden. Aber bei und mit Özgür tut sich angeblich etwas. Die
Eltern haben sich ja schon gegenseitig besucht. Na ja, die kennen sich
zwar schon seit langer Zeit. Deswegen muss das ja noch nichts
bedeuten. Aber trotzdem. Immerhin war es so etwas wie ein offizieller
Besuch mit tieferem Hintergrund. Es heißt, Özgür, der jetzt 22 Jahre
geworden ist, würde aber zunächst seinen fünfzehnmonatigen
Militärdienst zu Ende bringen um dann, mit den männlichen Ehren
ausgestattet, heiraten zu können.
Özgür und Zeynep,
seine zukünftige Frau, haben beide die Grundschule im Dorf besucht
und waren in einer Klasse. Sie kennen sich also von früher. Aber
außer Guten Tag sagen, wird zwischen ihnen nichts gewesen sein. Aber
nach der missglückten Verlobung mit Yazemin hat wohl Özgür mit seiner
Mutter gesprochen und ihr anvertraut, er würde viel an Zeynep denken.
Dann hat es Gespräche und intensive Erkundungen zwischen den Familien
gegeben, die sich vor allem auf das zukünftige Zusammenleben beziehen.
Es ist in der
dörflichen Kultur nahezu zwingend, dass man in der Familie und mit
der Familie zusammenlebt. Für eine Heirat ist es also von
entscheidender Bedeutung, dass die zukünftige Frau, die gelin,
die Kommende, als neues Familienmitglied mit allen anderen Mitgliedern
der Familie gut auskommt. Das ist insbesondere wichtig für das
Verhältnis von Schwiegermutter und Schwiegertochter. Wenn diese
Beziehung nicht funktioniert, liegt hierin häufig die Ursache vieler
Spannungen und Konflikte. Deshalb werden, bevor überhaupt an Heiraten
gedacht ist, intensive Erkundungen betrieben.
Meist setzen sich
auch zunächst die Eltern zusammen, machen den ersten Vorschlag und die
Kinder lehnen ihn ab oder aber stimmen ihm zu. Es ist auch durchaus
möglich, dass die Initiative von einem Kind ausgeht, wobei das Kind
zuerst mit der Mutter, oder dem älteren Bruder bzw. der älteren
Schwester spricht. Der Vorschlag wird, nachdem er sorgfältig
austariert wurde, dann an den Vater weitergeleitet. Es ist immer noch
in den Dörfern eine große Ausnahme, wenn Kinder gegen den Willen der
Eltern heiraten.
Es handelt sich um
ein bäuerliches Muster: die Familie arbeitet zusammen auf dem Feld
oder im Treibhaus. Die Familie produziert und konsumiert gemeinsam. Es
ist also eine ökonomische Gemeinschaft und diese Gemeinschaft
erfordert es, sich dem Willen der Gesamtfamilie zu unterwerfen.
Liebesheiraten –gegen den Willen der Eltern- gelten als ausgesprochen
instabil. Im Osten der Türkei arrangieren die Eltern in der Regel die
zukünftige Heirat. Häufig hat das Mädchen ihren zukünftigen Ehemann
noch nie gesehen. Eine Weigerung ist kaum möglich und wenn das Mädchen
sich weigern sollte, würde ein Ausschluss aus der Familie erfolgen.
In den größeren Städten vor allem im
Westen der Türkei ist es allerdings mehr und mehr üblich, dass sich
junge Leute kennen lernen und dann zu den Eltern gehen, um ihnen ihren
Wunsch nach einer Heirat mitzuteilen. Wenn die Eltern damit
einverstanden sind und geprüft worden ist, ob die Familien, die
Umstände, die ökonomischen Verhältnisse zusammenpassen und ob es in
der Vergangenheit Auseinandersetzungen zwischen den jeweiligen
Familien gegeben hat und überhaupt alles seine Richtigkeit hat, steht
einer Verheiratung nach den langen Verhandlungen nichts mehr im Wege.
Sagen die Eltern nein, kann es zu einer „Entführung“ der Braut kommen
und nach einiger Zeit, wenn dann auch festgestellt wird, dass alles so
seinen normalen Gang geht und vor allem das Enkelkind und dazu auch
noch ein Junge geboren wurde, wird ein nachträgliches Einverständnis
erteilt.
Nachdem nun die Gespräche zwischen den
Familien Aksoy, Zeyneps Familie, und Acar, Özgürs Familie, zu
allseitiger Zufriedenheit verlaufen sind, wurden der Verlobungstermin
und der Hochzeitstermin festgelegt.
Drei Wochen vor
der Hochzeit werden die neuen Möbel ins Haus ihres zukünftigen Mannes
gebracht.

Ein großer Teil der Familie, etwa 15
Personen, ist dabei, begutachtet die neuen Möbel, gibt kluge
Ratschläge, wie die Möbel aufzustellen sind, macht die ersten
Sitzproben auf den Stühlen. Wie selbstverständlich packen auch die
kleinen Kinder mit an, schleppen Kissen, kleine Stühle oder die
Glasscheiben der Schränke nach oben. Jetzt kommen auch die Nachbarn,
wollen wissen, wie sich das junge Paar nun einrichtet oder hat
einrichten lassen, der unvermeidliche Tee wird getrunken und es wird
heftig diskutiert und überlegt, wo nun dieses oder jenes hinkommen
soll.
Vor 20 oder 30
Jahren waren die Einrichtungen noch sehr dürftig. Sie waren so
zusammengestellt, dass alles innerhalb kürzester Zeit gepackt und mit
Esel, Kamel und Ochsen nach alter Tradition auf die yayla,
die Sommerweide hätte geschleppt werden können.
Als Özgürs Eltern vor neunundzwanzig
Jahren heirateten, bekamen sie als Mitgift ein Bett, etwas Wäsche,
etwas Geschirr und einen Ofen. Ihre Wohnung bestand aus einem kleinen
Raum und da es weder Elektrizität gab noch das Geld für Petroleum,
mussten sie ihren kümmerlichen Wohnraum mit einem Kienspan, der aus
dem Wald geholt wurde, beleuchtet. Das hat sich natürlich sehr
verändert.
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