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Regenzeit

Bulut giden çama -
Götür eşeğini dama

Wenn die Wolken zur Tanne gehen, bring Deinen Esel aufs Dach
(altes türkisches Sprichwort)


Nach fünf Tagen Regen lässt sich die Sonne am Morgen wieder leicht und zögerlich blicken. Die Wolken sind nicht mehr so finster und dunkelgrau wie in den vergangenen Tagen und lassen einen Blick zu auf den Tahtalı Daği, den Götterberg, der mit seinen 2375 m einer der höchsten Berge im Taurusgebirge ist. Jetzt, im Januar und zur Regenzeit, ist er bis hinunter zu den Tälern völlig verschneit. Die Berge müssen sich wie ein Schwamm mit Wasser voll saugen, damit auch im Sommer, wenn die Sonne den Boden ausgedörrt hat, die Brunnen nicht trocken werden. Von Mai bis etwa Ende Oktober, Mitte November regnet es nicht, von kurzen Schauern abgesehen, die aber sofort verdunsten. Tage- und wochenlange Regenfälle sind notwendig, um das erforderliche Wasser tief in den Boden gelangen zu lassen.

„Hört denn dieser Scheißregen überhaupt nicht mehr auf,“ sagt mir meine innere, der Kotrolle nicht zugängliche  Stimme. Die Türken hingegen freuen sich mit ganzer Seele über dieses Himmelsgeschenk, das da herunterströmt. Immer wieder betonen sie, wie schön doch dieser Regen sei. Ich werde nie vergessen, wie einmal der damals fünfjährige Özgen, der Sohn unseres Nachbarn, beim ersten Winterregen, auf die Straße lief, die Hände nach oben hielt, lachte, juchzte und sich pitschnass regnen ließ. „Çok güzel yagmur, çok güzel yağmur.“ Also, ein wunderschöner Regen, ein sehr schöner Regen

 

Aber es regnet nach unserem deutschen Verständnis ja nicht. Es schüttet und prasselt mit einer kaum glaublichen Wucht. Tropische Regenfälle. Jetzt, wenn ich im Haus sitze und aus dem Fenster schaue, weiß ich um die Bedeutung dieser Redensart. Und dieser Regen und dieses Schütten dauert tage- und nächtelang. Ohne Pause. Es prasselt und prasselt und will nicht mehr aufhören. Wo kommt denn eigentlich dieses ganze Wasser her. Das muss doch mal aufhören. Der Strom fällt immer wieder aus. Wir haben eine Gaslampe, die wir dann einschalten und die ein gemütliches Licht abgibt. Das Telefon funktioniert nicht. So ist das also, wenn man von der Welt abgeschnitten ist. geht es mir durch mein mitteleuropäisches Gemüt. Kein Fernsehen, kein Radio. Diese dauernden Stromausfälle! Was macht eigentlich unser Fleisch im Tiefkühlfach unseres Kühlschrankes? Muss das denn nicht alles herausgenommen und verarbeitet werden. Aber wer soll das denn alles essen?

Die Straßen nach Kumluca, unserer Einkaufsstadt, sind  nahezu unpassierbar geworden. Die Hauptstraße erreichen wir nur über unasphaltierte Wege, die aber wegen kleinerer Erdrutsche mit dem Auto nicht mehr  zu befahren sind. Außerdem müssten wir dann auch zuerst  einen jetzt reißenden Bach durchqueren, um überhaupt zu diesen Wegen zu gelangen.

     Also verbringen wir die Regentage im Haus, riskieren hin und wieder einen kleinen Spaziergang, schauen uns die Bäche an, die zu Sturzbächen werden und die Ufer aushöhlen.

     Der völlig ausgetrocknete Boden kann in den ersten Regentagen das viele Wasser gar nicht aufnehmen, so dass es einfach wegfließt. Es dauert Tage, bis der Boden aufgeweicht ist und den Regen aufnehmen kann. Der Brunnen läuft langsam über. Wenn es jetzt nicht bald aufhört zu regnen, dann haben wir Hochwasser.

Und dann kommt der Abend und die Nacht. Ein Gewitter zieht auf. Unser Haus liegt in einem Talkessel. Von allen Seiten zischen die Blitze herunter und der Donner lässt die Scheiben unseres Hauses zittern. Es schüttet, der Bach an unserem Haus läuft über und die Wasserfluten, die mittlerweile ca. 30 bis 40 cm hoch sind,  rauschen am Haus vorbei. Wolkenbrüche verwandeln die kleine Zufahrt zum Haus in einen reißenden Sturzbach. Der Strom fällt wieder aus und mit Hilfe der Taschenlampe ist zu erkennen, dass das Wasser immer höher steigt. Die ersten kleineren Wellen schwappen gegen die Tür, die wir mit Lappen und den geklauten Lufthansadecken versuchen abzudichten. Steine, Holz, Abfall werden von der Straße, die völlig überflutet ist, in den Garten gerissen.

Vom 50 Meter entfernten Bach, der die Straße überflutet, ist ein bedrohliches Rauschen zu hören. Vom Bach hinter unserem Haus hören wir das Poltern und Krachen von Felsbrocken, die vom Bachufer weggerissen werden. Dazwischen wieder Blitze und dieser schauerliche Donner, der von den um uns liegenden Bergen widerhallt. Das Gewitter hat sich im Tal festgesetzt. Es kracht fürchterlich.  Das geht stundenlang so. Es will einfach nicht aufhören.

     Und dann ist plötzlich Ruhe. Der Regen tröpfelt nur noch auf. Wir hören nur noch das Rauschen der Wasserfluten, die sich unmittelbar an unserem Haus vorbei in den überschwemmten Garten ergießen.

 

Am nächsten Morgen sind noch einige dunkle Wolken am Himmel zu sehen und am Nachmittag haben wir einen strahlend blauen Himmel, können auf der Terrasse sitzen und zuschauen, wie sich das Wasser langsam verläuft. Wir haben es überstanden. Es gibt auch wieder elektrischen Strom, auch das Telefon funktioniert. Mit der Welt sind wir wieder zumindest für heute verbunden. Unsere Nachbarn kommen rüber und meinen begeistert: „Çok güzel yağmur, çok güzel yağmur“. Das sei doch wirklich ein wunderschöner Regen gewesen. Meine Begeisterung allerdings hielt sich in Grenzen und meine Zustimmung war dann auch eher zögerlich.
 

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