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Güneş Tutulması
Sonnenfinsternis


In den deutschen Zeitungen war einiges zu lesen über die bevorstehende totale Sonnenfinsternis am 29.03.2006 in der Türkei. Die Menschen hätten Angst, würden am Tag der Sonnenfinsternis ihre Häuser verlassen, um vor dem nachfolgenden Erdbeben zu fliehen. Sonnenfinsternis und Erdbeben: da gäbe es Zusammenhänge. Auch 1977 hätte es nur drei Tage nach der Sonnenfinsternis ein fürchterliches Erdbeben mit über 20000 Toten gegeben. Vor allem die Menschen in Istanbul würden sich vor dem Tag fürchten und hätten jetzt schon bei ihren Verwandten in der Umgebung Istanbuls Zuflucht gesucht.

Nichts davon ist hier in unserem Dorf festzustellen. Ja, am 29.03.2006 gäbe es die totale Sonnenfinsternis. Das wäre ein großes Ereignis. Viele Touristen seien deshalb auch in die Türkei gekommen, um dieses Naturereignis mitzuerleben.

 

In unserem kleinen Dorfkaufladen, dem Bakkal, gibt es außer den üblichen Sachen jetzt auch die Spezialsonnenbrillen zu kaufen. Natürlich hofft der Ladenbesitzer auf ein kleines zusätzliches Geschäft. Die großen Hotels entlang der türkischen Südküste in Side, Antalya oder Alanya bieten Spezialveranstaltungen mit allem Drum und Dran an und wollen damit den Touristen auch eine Menge Geld aus der Tasche locken.

Der Ladenbesitzer hat einen kleinen Teestand aufgebaut und da dieser Laden sich in den letzten Jahren auch zur Informationsbörse und zu einem allgemeinen Versammlungsort entwickelt hat, wird er bei diesem großen Ereignis, das von den Dorfleuten laut, intensiv und ausführlich von Kommentaren begleitet werden wird, viel Tee verkaufen. Nebenan hat jemand einen Grill aufgestellt, eine geschlachtete Ziege hängt schon am Haken, ein Mann mit einem Bauchladen bietet in Konkurrenz zum Ladenbesitzer Supersonderspezialsonnenfinsternisbrillen an, die natürlich sehr viel billiger sind und zusätzlich wegen der gefilterten Sonnenfinsternisstrahlen die Sehkraft nachhaltig verbessern.

Die Zeitungen informieren gründlich über die Sonne-, Mond-, Erdekonstellation. Auch die Kinder kommen aus der Schule und erklären voller Stolz ihren Eltern, was es mit der Sonnenfinsternis auf sich hat, zeichnen mit einem Stock die Bahnen von Sonne, Mond und Erde in den Sand und überbieten sich gegenseitig laut schreiend mit ihren Erklärungen. Jeder weiß es besser und die Eltern wissen natürlich gar nichts.

Über ein eventuell bevorstehendes Erdbeben wird nicht gesprochen und als ich erzählte, in deutschen Zeitungen gelesen zu haben, dass die Menschen in der Türkei davor Angst hätten, wird mit dem Kopf geschüttelt und ich werde ausgelacht.

Erdbeben ist Erdbeben und Sonnenfinsternis sei Sonnenfinsternis. Das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun. Inşallah.

Dem Morgen des Sonnenfinsternistages hatte vor allem das Tourismusgewerbe gespannt und mit großen Sorgen entgegengesehen. Was würde man bei bedecktem Himmel den herbeigelockten Touristen anbieten können. Vorsorglich hatten einige Hotels große Fernsehleinwände aufgestellt, um im Notfall Videofilme der letzten Sonnenfinsternis zu zeigen. Auch Volkstanzgruppen standen bereit, um im schlimmsten Fall den Sonnentanz vorzuführen.

Aber der Tag beginnt völlig normal mit einem strahlend blauen Himmel. Keine Wolke ist zu sehen. Nichts ungewöhnliches passiert. Die Kinder fahren zur Schule, die Erwachsenen gehen ihrer Alltagsarbeit nach. Aber so gegen 11.00 Uhr sieht man dann doch, dass etwas Besonderes bevorsteht. Am Kaufladen stehen mehr Menschen als üblich. Nein, nein. Nicht wegen der Sonnenfinsternis. Aber wo ein oder zwei Personen sich unterhalten, muss man doch einfach hin. Die ersten Spezialbrillen werden probehalber aufgesetzt, Fensterglas mit Ruß geschwärzt, obwohl in allen Zeitungen stand, man solle nur mit einer Spezialbrille zur Sonne schauen. Das Grillfeuer wird entfacht, das Ziegenfleisch gewürzt, Tee getrunken und man ist sich einig, dass es doch eigentlich ein sehr schöner Tag auch ohne Sonnenfinsternis sei.

Gegen 13.00 Uhr verändert sich etwas. Die Gespräche verstummen und man schaut gebannt zur Sonne hin. Das Spektakel beginnt. Langsam schiebt sich der Mond vor die Sonne und nach einiger Zeit wird es merklich kühler, die Lichtverhältnisse verändern sich. Es wird dunkler. Nach knapp einer Stunde ist von der Sonne nur noch etwa 10 % zu sehen und nach weiteren zehn Minuten hat sich der Mond ganz vor die Sonne geschoben.



Die Temperatur geht von 25 Grad auf 13 Grad zurück und es ist ganz plötzlich fast nachtdunkel. Nichts ist mehr von den Vögeln zu hören. Das Summen der Bienen hat aufgehört. Die Hühner haben ihren Stall aufgesucht. Völlige Stille. Nur der Wind rauscht. Die Straßenlaternen brennen. Eine unwirkliche Situation. Auch die Gespräche sind verstummt. Es ist so eine Art Weltuntergangsstimmung. So könnte es gewesen sein, als vor Urzeiten unsere Erde entstand. Ein archaisches Ereignis, das offensichtlich keinen unberührt lässt. Von den Bergen ringsum sind Schüsse zu hören. Knallkörper explodieren. Wenn der Mond dabei ist, die Sonne zu verschlingen, kommen die Menschen nach alter Sitte mit viel Krach und Geschrei der Sonne zu Hilfe.

 

Und dann ist es vorbei. Die Sonne, die vorher vom Mond verdeckt, nur mit einem Strahlenkranz zu ahnen war, wird wieder sichtbar. Ganz schnell wird es wieder hell. Es wird wärmer. Die Vögel sind wieder zu hören. Die Hühner kommen aus ihrem Stall und der normale Alltag beginnt wieder. Das Leben geht weiter.

Auch in den Touristenhotels, die voll mit englischsprachigen Gästen sind, nimmt alles seinen geplanten Verlauf. Original türkische Tanzgruppen in Phantasietrachten, die an südamerikanische Indianerkleidung erinnern, führen den Sonnentanz auf, der eine jahrhundert alte türkische Dorftradition haben soll, an die sich aber eigenartigerweise niemand erinnern kann. Es sei aber doch gut, so der Chefanimateur zu späterer Stunde augenzwinkernd, wenn die alten vergessenen türkischen Traditionen wiederbelebt und den Gästen einen Eindruck von der früheren Türkei vermitteln würden. Aber irgendwie erinnert das verteufelt an bayrische Schuhplattlertänze, die im Hofbräuhaus den Amerikanern vorgeführt werden und ihnen ein Bild vom guten alten Germany nahe bringen.


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