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Als ich Stalins Geburtstag feierte

 
Der Tag begann eigentlich ganz normal. Ich machte mir meinen Morgentee, überlegte, was ich denn heute so machen soll, schlürfte dabei genüsslich den ersten süßen Schluck Cay aus dem türkischen Teeglas, schaute aus dem Fenster, sah, dass der Berg in einem sanften immer kräftiger werdenden Morgenrot leuchtete und dann, als ich dieses Morgenrot sah, fiel es mir plötzlich ein. „Heute ist der 21.Dezember. Stalin, der große revolutionäre Führer der internationalen Arbeiterbewegung, hat heute Geburtstag und ich sitze hier in der Türkei ohne meine Genossen, die sicherlich schon ihre Vorbereitungen zur Würdigung des großen Arbeiterführers getroffen haben. Fahnen, Transparente, Sprechchöre mit revolutionären Parolen.“

Ich wurde nachdenklich, dann unruhig, stieß das Teeglas um, sprang auf und ging durch das ganze Haus aufgeregt hin und her. Was soll ich nur machen? Ich kann doch diesen Tag nicht so einfach vorbeiziehen lassen? So als wäre nichts geschehen? Damals. In der Großen Sowjetunion. Unter Stalin. Und der hatte doch schließlich heute Geburtstag. Gaby, mit der ich nun seit vielen Jahren verheiratet bin, lag natürlich noch im Bett und schlief ihren festen und tiefen Schlaf.
 
Dann fiel mein Blick auf ihr rotes Nachthemd. Kurz entschlossen riss ich es ihr vom Leib. Gaby, schläfrig ein Auge öffnend, meinte nur: „Nicht doch am frühen Morgen!“

 

„Das wär ja noch schöner“, murmelte ich, heftete ihr rotes Nachthemd an einen Stock und rannte auf die an unserem Haus vorbeiführende Straße. Gaby rief noch hinter mir her, was ich denn zu so früher Stunde schon zu tun gedenke und ob ich auch schon den Ofen angemacht hätte. Natürlich gab ich keine Antwort. Ich hatte Bedeutsameres zu tun.

Auf der Dorfstraße schwenkte ich meine Fahne, sang lauthals Lieder der Arbeiterbewegung, zumindest die ersten Strophen, und wartete auf die verarmten türkischen Bauernmassen, die mit mir an der Spitze und ich die rote Fahne schwenkend nach Kumluca, der nächsten größeren Stadt, marschieren würden, um vor der Belediye, dem türkischen Bürgermeisteramt, für die Einheit der Arbeiter und Bauern und gegen den amerikanischen Imperialismus tatkräftig zu demonstrieren.

Ferhat, mein Nachbar, Muhtar (Dorfvorsteher) unserer kleinen Gemeinde, schaute zu mir rüber, schüttelte den Kopf, was er übrigens häufiger machte, wenn ich etwas Bedeutsames und Wichtiges tat, ging dann weiter zum Treibhaus, um seine Tomaten zu gießen und ließ mich alleine.

Aber lange blieb ich nicht mehr alleine. Es kamen zwar noch keine verarmten und entrechteten türkischen Bauern, aber ein Jeep aus Çavus Köy, dem nächst größeren Dorf mit einer Gendarmeriestation, näherte sich.

Und nun wusste ich, meine Sache würde Erfolg haben. Bildung von Soldaten- oder Gendarmerieräten schoss es mir durch den Kopf, die Bewegung auch militärisch absichern, die Bauernmassen bewaffnen und die Großgrundbesitzer verjagen.

 

Der Jeep hielt, der Offizier riss mir meine rote Fahne aus der Hand und ich, voller Begeisterung, wollte den Offizier sogleich zum militärischen Befehlshaben ernennen, aber ich wurde zum nächsten Gendarmerieposten transportiert.

„Was das denn soll“, schrie mich jemand an. „Heute hat Stalin Geburtstag“, wollte ich sagen. Aber als das Wort Stalin fiel, fielen vier Uniformierte über mich her, ab in den nächsten Raum und dann gab es eine erste ordentliche Tracht Prügel. Eine Stunde später gab es die zweite Tour und ich konnte nur noch schreien. „Immer auf die gleiche Stelle, das tut aber weh, das tut aber weh!“ „Soll es ja auch“ schrie der Offizier und überließ mich meinen Überlegungen.

Kurz und gut: Zwei Tage später, frühmorgens als die Sonne aufging und die Berge sich wieder rötlich färbten, kam ich aus dem Knast. Draußen stand Gaby, rauchte ihre Zigarette, und fuhr mich, ohne ein Wort zu sagen, nach Hause.

In dem Moment wurde ich wach, schüttelte den Kopf, murmelte vor mich hin. „Gestern wohl zu viel Rakı getrunken“ und überlegte, welcher Tag denn heute sei. Ach ja, der 21.Dezember., Stalins Geburtstag. Ich sprang also auf, übersah Gabys rotes Nachthemd, griff entschlossen zum Handy, schickte meinem Freund Ludwig eine SMS mit der Botschaft: „Lieber Genosse Ludwig! Heute hat Stalin Geburtstag. Die Parole heißt: Wodka trinken!“, und legte mich wieder schlafen.

Samstag, 28. Dezember 2002

 

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