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Tahtalı Dağı
Der Götterberg


Sehr früh am Morgen waren wir aufgebrochen, um endlich unseren Traum, den Tahtal
ı, den höchsten Berg im Taurus Gebirge zu besteigen, zu realisieren. Tagelang hatten Raf, mein flämischer Freund,  und ich uns auf diese Bergtour vorbereitet, indem wir mit und ohne Rucksack  alte Ziegenpfade zum Erstaunen und Gelächter der Dorfbewohner rauf und runter liefen, Raf seine Pulsmessungen vornahm und notierte und wir die Trainingsergebnisse abends mit vermehrtem Bierkonsum ausbauten, sodass wir  von Tag zu Tag sicherer wurden waren,  mit unserem  Spezialtrainingsprogramm den Götterberg schaffen zu können.

Die vielen Fragen der  Nachbarn, warum wir denn unbedingt auf diesen für manche unheimlichen Berg wollten, ließen sich so einfach nicht beantworten.

„Wir wollen da rauf, wollen wissen, wie der Berg oben ausschaut,  von oben muss man doch eine großartige Fernsicht haben und außerdem wollen wir die Steinböcke beobachten.“

Sie reagierten mit Kopfschütteln, Unverständnis und ironischem Lächeln. Von der Dorfbewohnern war noch niemand da oben gewesen.

 Nur Kemal, der uns führen wird, und der vor ca. 30 Jahren als Ziegenhirte seine Herde im Sommer bis nach Beycik, dem kleinen Dorf weit unterhalb des  Tathalı Gipfels getrieben hatte und der natürlich jeden kleinsten Pfad da oben im Gebirge kannte, hatte schon einmal eine kleine Gruppe zum Gipfel geführt und erzählte uns von der herrlichen Aussicht. Man könne bei klarem Wetter bis nach Antalya und zur anderen Seite bis nach Kumluca und Finike sehen.

Mit sei 2366 Höhenmetern überragt der Tahtalı alle umliegenden Gipfel und macht einen majestätischen Eindruck, wenn er am frühen Morgen als erster Berg von der Sonne angestrahlt wird und mit seinem in einem rosa-rötlichen Morgenlicht getauchten Gipfel das Taurusgebirge beherrscht. Von November bis Mai oder Juni ist er metertief verschneit und speichert in seinem gewaltigen Bergmassiv das für die Landschaft so lebenswichtige Wasser. Kein Wunder also, dass dieser Berg in ganz Lykien nahezu verehrt wird. Er soll Schutz vor bösen Geistern und Unholden bieten und niemand kann ihm widerstehen, so sagen die Dorfleute. Wenn man die alles überragende Bergspitze, die häufig von einem Wolkenring umgeben ist, betrachtet, lässt man sich leicht von diesen Erzählungen einfangen.

 

Es waren Österreicher, die in den Jahren 1881 und 18822 Lykien erforschten, eine sehr präzise Landkarte zeichneten auf der auch der Götterberg eingezeichnet ist. Die Österreicher gaben ihm den Namen Tahtalı Dağı, was soviel bedeutet wie Tafelberg oder auch Holzverkäuferberg.

Da es im Deutschsprachigen den türkischen dumpf ausgesprochenen Buchstaben ı und den Dehnungsbuchstaben ğ nicht gibt,  schrieben  sie auf der Landkarte Tachtaly Dah.  

„Ja, morgen früh um drei Uhr wollen wir los. Wir fahren mit dem Auto hoch nach Beycik.“

„Viel Glück, lasst Euch von den Geistern nicht verführen und kommt gut zurück,“ wünschten uns die Nachbarn, als wir uns abends von ihnen verabschiedeten.

Früh am Morgen wartete Kemal schon an unserem Auto. Genau wie wir hatte er ein wenig Proviant und eine große Wasserflasche mit. Aber im Gegensatz zu uns hatte er keine stabilen, hohen Bergschuhe an, sondern trug seine ganz normalen Straßenschuhe. „Wenn das mal gut geht“, schoss es mir durch Kopf, „hoffentlich hält der das durch“. Mit dem Auto waren wir dann schnell in dem kleinen Dorf Beycik, das in etwa 900 Meter Höhe liegt und dann machten wir uns auf den Weg zum 2366 Meter hohen Gipfel des Tahtalı daĝı.

 Der Weg führte zunächst ständig aufwärts durch dichten Wald mit zum Teil flechtenbewachsenen Bäumen, die in langen, schweren Zöpfen von der Zweigen hingen und im leichten, kühlen Morgenwind geisterhaft langsam hin und her schwangen. Zwischendurch standen Zedernbäume, die  offiziell nicht mehr geschlagen werden dürfen, da sie mittlerweile unter Naturschutz stehen. Langsam mit gleichmäßigen wiegenden Schritten ging Kemal voran, forderte uns immer wieder auf: „Langsam, langsam“ und legte in regelmäßigen Abständen eine Pause ein, die wir nutzten, um unsere Wasserflaschen zu füllen und viel zu trinken.

Der Wald wurde nun etwas lichter, Sträucher lösten die Bäume ab, wir erreichten die Baumgrenze und konnten noch einmal die Wasserflaschen füllen. „Das hier ist die letzte Quelle“, informierte uns Kemal, „seid jetzt vorsichtig mit dem Wasser, wir haben noch einen langen und ab jetzt beschwerlichen Weg vor uns.“

 

Irgendwo, ganz weit entfernt in großer Höhe lag der Gipfel, der unerreichbar erschien. Immerhin waren wir schon 2 ½ Stunden unterwegs und hatten endlich  schon den Sattel erreicht. Und ab jetzt ging es weiter über Schotter und Steine. Es gab keinen Weg mehr und vor uns ging Kemal, der mühelos mit seinen Straßenschuhen von Stein zu Stein sprang, während wir etwas mühsam und holperig die größeren Gesteinsbrocken umgehen mussten. Der Gipfel lag versteckt hinter  Bergwölbungen und jedes Mal wenn wir meinten, die letzte Kuppe erreicht zu haben und der Gipfel läge jetzt direkt vor uns, tauchte eine neue Kuppe auf und der Gipfel war immer noch nicht zu sehen.

Mittlerweile wurde es eine einzige Schinderei, Raf blieb etwas zurück, rief immer wieder: „Warte, warte“, kontrollierte laufend seinen Puls, rief mir die Zahlen zu, Kemal ging beständig weiter, ich wollte den Anschluss nicht verlieren, musste aber auf Raf warten, schrie dann Kemal an: „Warte doch, Raf ist krank. Ist operiert worden. Wir müssen mehr Pause machen.“

Und dann, als wir ihn eingeholt hatten, fragte Kemal: „Was hat Raf, welche Operation?“

Raf zeigte auf sein Herz und sagte unter Schluchzen: „Ich bin am Herzen operiert worden. Ich habe eine neue Herzklappe. Hier höre.“

Und Kemal konnte, als er ihn abhörte, das leise regelmäßige Ticken der Herzklappe vernehmen.“ „Jetzt müssen wir ganz langsam gehen. Raf, Du voran. Weiter!“

Nach einiger Zeit und vielen Pausen und nach einer weiteren Kuppe, sahen wir endlich den Gipfel wenige hundert Meter vor uns liegen.

Und dann war es geschafft. Wir waren oben. Raf schmiss sich hin, küsste einen Stein, stand auf, ging zum Gipfelkreuz und weinte vor Freude und Erleichterung und sagte nur noch: „Ich habe es gemacht. Mit meiner Klappe. Ich bin oben. Oben auf dem Götterberg. Jetzt ist mir alles egal.“

„Kommt, wir machen hier oben jetzt Picknick,“, schlug Kemal vor.

„Lass mich mit Picknick in Ruhe. Ich will nur hier oben sitzen und schauen. Ihr wisst doch gar nicht, was das für mich bedeutet.“

Dann, nach einiger Zeit, aßen wir die mitgebrachten Tomaten, den Käse, das Brot und ließen diese Aussicht, die wir uns erarbeitet hatten, auf uns wirken.

Unbeschreiblich. Nordöstlich die Bucht von Antalya, westlich Kumluca und Finike. Das tiefblaue Meer und ein strahlender Sonnenschein. Und wir da oben. Verschwitzt, müde, aber tief zufrieden und glücklich. Auf den Eintrag ins Gipfelbuch verzichteten wir. Was auch hätten wir schreiben sollen.

Der Abstieg war grässlich.  Stolpernd, mit schmerzenden Knien. Kein Ende nehmend.  Auch Kemal bekam Probleme. Warum tut man sich das eigentlich an?

 

Vielleicht , um nach diesen vielen Stunden der Anstrengung zu sich sagen zu können, ich war da oben. Vielleicht aber auch, um ein herrliches, frisches, kühles Efes-Bier in sich hinein schütten zu können, was wir dann auch, als wir endlich den Abstieg hinter uns hatten, in Ulupınar, im Restaurant Alte Mühle, eifrig und mit Ausdauer betrieben.

Seit 2004 ist ein Schweizer Skiliftunternehmen  dabei, eine Seilbahn von Phaselis hoch auf den Gipfel des Tahtalı  zu bauen. Jetzt hat man es also bequemer.

Ein riesiger, von allen Seiten zu sehender unförmiger Betonklotz, die zukünftige Gipfelstation, ist genau auf den  Berggipfel gesetzt worden. Die Südflanke ist geziert durch in regelmäßigen Abständen gesetzte Stahlmasten und auf der Nordseite sind Schotterwege entstanden, auf denen im Sommer schon jetzt die Jeeptouristen bis kurz unterhalb des Gipfels gekarrt werden. Wenn die Seilbahn ihren Betrieb aufnehmen sollte, werden sich oben die Touristen tummeln und der Berggipfel wird zur Müllhalde verkommen.

Der Götterberg hat seinen Charakter und seine Würde verloren. Nein, sie sind ihm genommen worden.

Österreicher haben 1881 und 1882 Lykien erforscht und eine sehr präzise Karte gezeichnet.
ISBN: 3-901232-67-2, Phoibos-Verlag


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