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Der Teppichkauf

 
Wie immer in den letzten Jahren herrscht am  Flughafen ein lebhaftes Gedränge. „Natürlich stehen wir schon wieder in der falschen Schlange. Ich habe es Dir doch gleich gesagt. Aber Du, Du willst es ja wieder `mal besser wissen. “, fährt eine etwas zum Fülligen neigende Frau ihren Begleiter an und tupft  sich dabei mit abgespreiztem kleinen Finger in großartig präsentierter Aufregung den Schweiß mit einem lächerlich kleinen Tuch von der Stirn.  Sie kichert und lacht ständig völlig unmotiviert vor sich hin und sieht aus, als hätte sie ihr Outfit  aus einer der Friseurillustrierten übernommen, die uns mit Berichten über die Menschen aus der Großen Welt beglücken. Hochhackige Schuhe, in denen sie ständig hin und her trippelt, tiefblau gemalte Lidschatten, hoch toupierte blondierte Haare, die mit einem übel stinkenden, glänzenden Haarfestiger allzu kräftig eingesprüht waren. Sie sah aus, als ob sie einen blonden Stahlhelm aufgezogen hätte. Ihr Auftreten hatte irgendwie auch streng militärische Züge.  Ihr Begleiter ist  mit unglaublichen Hängewangen ausgestattet, die sich in seinem fast bis zu den Knien reichenden Hängebauch fortsetzen. Lange Jahre Zusammenlebens und vieler solcher Erlebnisse  hatten allzu deutlich ihre Spuren beim ihm hinterlassen und wohl zu diesen höchst ungewöhnlichen Verformungen geführt. Er atmete sichtlich schwer und machte den Einruck, als würde er nach Knoblauchpillen riechen.

Wie befestigt der eigentlich seine Hosen? Ob der Seinen schon mal gesehen hat? Ob die es noch miteinander treiben? Wenn ja, wie. Das geht doch gar nicht mit diesem Hängebauch. Der deckt doch alles zu. Aber heutzutage ist doch alles möglich. Vielleicht poppt der seinen eigenen Bauchnabel. Das kann noch lange nicht jeder. Dass die sich nicht schämen! Der passt doch überhaupt nicht in den Flugzeugsitz. Vielleicht kommt der in den Gepäckraum. Hoffentlich. Sonst sitze ich noch neben den Beiden. Würde mich nicht wundern. Wäre ja außerdem wieder mal typisch.

„Is ja jutt Mutti“, ist von ihrem Begleiter, Lebensgefährten oder langjährigem Ehemann zu hören. „Nichts ist jut, “, tönt sie.  „Hast Du wenigstens die Tickets parat?“. Er nestelt an seiner Bauchtasche und zieht triumphierend die Unterlagen heraus. „Und nun gib  endlich Frieden. Wir fahren doch  schließlich in Urlaub, Schatz“, schnauft er und schiebt den Gepäckwagen einen Meter weiter.

„Immer dasselbe mit Dir. Nie tust Du das, was ich Dir sage“, erzieht sie an ihrem Mann herum.

Ruhe. Noch gut eine Stunde bis zum Abflug. Die Warteschlange ist noch nicht wesentlich kürzer geworden.

„Das schaffen die nie hier“, meint sie.
 „Aber wir sind doch immer noch mitgekommen“, verzweifelt er.
 Aha. Die nächste Runde beginnt.
„Außerdem wollte ich doch nach Spanien. Friedemanns fahren auch da hin.“
„Die fahren nicht. Die fliegen“, knurrt er. „Und wir sind auch nicht Friedemanns“.
„Ist doch egal. Aber nach Spanien. Und da ist es auch viel sauberer und auch katholisch“, triumphiert sie.
„Was hat das denn damit zu tun. Wir haben jetzt Frühjahr.  Und da gibt es in der Türkei mehr Sonne. Und die wolltest Du doch haben.“
„Mehr Sonne. Dass ich nicht lache. Die kann ich auch im Sommer in Deutschland haben. Deswegen muss ich nicht hier in dieser Schlange stehen. Und außerdem ist die andere Schlange schon viel weiter. Aber Du wolltest es ja nicht anders. Immer muss es nach Dir gehen. Aber da sieht man mal wieder, was man davon hat.“

 

In der Tat. Die etwas aus den Fugen geratene ältere Dame in vielleicht zu knappen Urlaubshosen hat Recht. Die andere Warteschlange hat mittlerweile gut einen  Meter Vorsprung. Man schaut sich gegenseitig etwas feindlich an. Von einer Schlange zur anderen. Die anderen sehen wirklich, etwas, hm,  ordinär aus. Und wie die sich schon unterhalten. Da versteht man ja gar nichts von. Können die nicht deutsch reden. Da passt unsereins ja nun wirklich nicht hin. Außerdem haben die viel zu viele Koffer und Taschen. Aber das sind ja Pappkartons. Mit Kordel umwickelt. Müsste eigentlich verboten werden. Na ja. Ob das Türken sind ? Bestimmt. So wie die aussehen.

„Wenigstens deutsch sollten die `mal lernen“; meint die mit dem blonden Stahlhelm.  Beifälliges Gemurmel. „Aber unser Geld, unser Geld, das wollen die haben“; fügt eine Dame hinzu, die,  so wie sie aussieht, wohl aus Düsseldorf kommt.

Die Flugreisenden sind fast alle irgendwie uniformiert. Aldi scheint eine neue Frühjahrkollektion im Angebot zu haben. Die Herren wollen wohl vorwiegend auf die Jagd fahren. Sie haben so eine Art Safarilook an. Die Kakihosen sind alle mit Reißverschlüssen unter- bzw. oberhalb der Knie ausgestattet. Man kann die Hosen wohl lang oder auch als Shorts tragen. Sehr praktisch. Und dann gibt es so dreiviertel lange Hosen, die sich unterhalb der Knie mit Hilfe einer Gummistrippe und daran befestigten Bömmelchen zuziehen lassen. Sandalen, Herrensocken, weiße Beine und dann diese Bömmelchenhosen. Sieht apart aus. Und die vielen Taschen an den Hosen, die sich zuziehen, zukletten und sogar zuknöpfen lassen. Was tut man da eigentlich alles rein? Müssen ganz schön schwer sein, die Hosen, wenn die Taschen alle gefüllt sind. Aber man braucht deshalb auch keinen Rucksack mehr. Sehr praktisch und überzeugend. Auch die ärmellosen Westen bestehen hauptsächlich aus Taschen. Oben, unten, rechts, links, innen, außen, vorne, hinten. Überall Taschen. Ob es Gebrauchsanweisungen gibt? Was man wo und wie rein zu stecken hat? Auch die Kakihüte, es sind so Schlabberhüte, sind natürlich mit vielen Taschen ausgestattet. Sicherlich sehr nützlich.

 

Der mit dem Hängebauch scheint ein kommunikativer Typ zu sein. Er hat herausgehört, dass viele der Mitreisenden die gleiche Pauschalreise zu den äußerst günstigen Bedingungen gebucht haben: Fahrt nach Pamukkale mit Übernachtung, Besuch in einer Teppichfabrik, exklusiver Besuch bei einem türkischen Goldschmied, alles inklusive und vor allem so preiswert..

Die Abende im Hotel scheinen schon gesichert. Er strahlt jetzt über sein ganzes Gesicht. „Ich bin der Hans. Ihr könnt alle Du zu mir sagen“, tönt er lauthals. „Ich kenn das da alles. Der Ali da,  der ist mein Freund. Da gehen wir mal hin. Der hat ne´ Kneipe. Gleich um die Ecke rum. Da trinken wir heute einen“.

Wie einfach ist es doch dieses schwierige Geschäft mit dem sich Bekannt machen, dem sich Annähern, dem Ansprechen der Anderen, der Kontaktaufnahme. „Ich bin der Hans. Ihr könnt Du zu mir sagen“. Beispielhaft. So macht man das.

Die Frauen sind etwas dezenter gekleidet. Alles ein wenig knapp. Das scheint jetzt gefragt zu sein. Bei einigen so knapp, dass auch die letzten Hautfalten und Krampfadern sich noch deutlich abzeichnen. Beim Gehen gibt es so schabende und schmatzende Geräusche. Dazu trägt man dann diese Nuttenköfferchen, Bordcase sagt man wohl dazu, Doch, doch, man hat sich richtig flugfein gemacht. Auffallend wenig Goldschmuck. Aber dies wird beim Rückflug nach dem exklusiven Besuch „nur für Sie, nur für Sie“  bei dem türkischen Goldschmied anders sein.

Nach drei ein halb Stunden Flugzeit landen wir ohne größere Probleme in Antalya.

Zwei Tage nach dem Hinflug fahren wir morgens zum Großeinkauf in die nächst größere Stadt. In einem  Straßencafe, im Zentrum, mit der großen Reklametafel

–Biergarten-, sitzt Hans und beherrscht die Szene. „Ali, tu mich mal zwei Bier, aber große. Da kommt noch einer aus dem Flugzeug, dem muss ich mal zeigen, wie das hier so läuft“, und zeigt dabei auf mich. Jetzt wird es schwierig. Irgendwie ist der Typ ja Klasse, wie der hier auftritt. Kann alles, weiß alles, hat keine Zweifel, ist überall sofort zuhause, ist aber auch nur aus einer gewissen, sicheren Mindestentfernung zu ertragen. Aber jetzt so nahe. Und dann auch noch Bier trinken in der  Gewissheit, sehr schnell wieder zu hören: „Ali, tu uns noch mal zwei. Aber große!“ Jetzt hieße es schon uns. Ich wäre also schon sein Kumpel, sein Freund aus dem  Flugzeug, Brüderschaft trinken, Küsse austauschen, gegenseitige Besuche.

Jetzt oder nie und stürze davon, Entschuldigung murmelnd und einen dringenden Arzttermin vorschiebend. Hätte ganz plötzlich die Scheißerei bekommen. Das versteht Hans und schreit hinter mir her: „Kenn ich, kriescht man hier so. Musse aufpassen. Also, dann bis morgen. Hier bei Ali“, und höre dann nur noch aus der sicheren Ferne: „Ne, Ali, lass man stehen. Die zwei mach ich noch alle.“

In einem etwas weiter entfernten Teehaus herrscht das übliche Treiben. Es ist Vormittag,   das Fernsehen läuft, die Männer spielen Tavla, das türkische Backgammon, andere spielen Pisti, ein türkisches Kartenspiel oder Okey, so eine Art  Romme´. Mit lautem Krach knallen sie die Steine auf den Tisch, mischen auf dem Tisch durch Hin- und Her- und –Durcheinanderschieben die Spielsteine, und beginnen mit dem zehnten oder zwanzigsten Spiel, nachdem sie ihre Steine auf einem vor ihnen stehenden Brett sortiert haben. Die Unterhaltung ist lautstark, um das dröhnende Fernsehen zu übertönen, es wird viel gelacht und die Stimmung ist entspannt. 

 

Eine kleine Gruppe von Touristen, die sich normalerweise nicht in eine Teestube verirren würde, kommt rein und setzt sich an die freien Tische. Sie erregen kaum größere Aufmerksamkeit, man dreht sich kurz um, einige nicken ihnen freundlich zu und wenden sich dann wieder dem Spiel zu.

Die Bedienung geht zu der Touristengruppe und dann geschieht etwas Überraschendes.

Einer  der Touristen blättert in seinem Sprachführer und bestellt den Tee auf türkisch: Dört.... çay....lütfen .“ Sofortige Ruhe im Raum. Alles dreht sich um, der Garcon ist verdutzt und fragt auf deutsch zurück: „Sie sprechen etwas türkisch? „Ich versuche es ein wenig.“ „Oh, Sie sprechen sehr gut,“ „Çok ...teşekür....ederim“, bedankt sich der Tourist, nachdem er in seinem Sprachführer gesucht hatte ..
 

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