|
Der Mann, der den Ziegenkopf rettet
Kurban Bayramı
–Das Opferfest-
Seit Tagen schon meckert beim Nachbarn
die kürzlich beim Kasap (Metzger) erworbene Ziege. Sie ist nur
eine von vielen Millionen Ziegen und Schafen, die in wenigen Tagen zum
Kurban Bayramı (Opferfest) geschlachtet werden . Wie viele es
genau sind, weiß niemand so recht. Die Schätzungen liegen bei 10 bis
15 Millionen. Die Regierung hat vor kurzem strenge Regelungen, die das
Schlachten betreffen, erlassen, um so die zum Teil fürchterliche
Metzelei vor allem in den größeren Städten zu beenden. Früher durfte
jeder, der ein Messer in die Hand nehmen konnte, die Ziege vom Leben
in den Tod befördern. Das artete zum Teil in eine für unser Empfinden
grässliche Tierquälerei aus. Für die Türken haben Tiere nicht
denselben Stellenwert wie für uns deutsche Stadtmenschen. Mit dieser
„privaten“ Schlachterei ist jetzt hoffentlich Schluss. Schlachten darf
nur der, der eine amtliche Bescheinigung hat und nachweisen kann, dass
er auch dieses Handwerk beherrscht. Wer ohne eine solche Bescheinigung
schlachtet, muss eine Strafe in Höhe von umgerechnet etwa 1200 Euro
bezahlen.
Auch in unserem Dorf
kommen jetzt täglich mit Ziegen beladene Lastwagen vorbei und die
Fahrer rufen über ihre Lautsprecher aus, sie und nur sie hätten die
besten, leckersten, jüngsten und mit dem feinsten Kräuter gefütterten
Ziegen zu verkaufen. Nur beim ihm, wirklich nur bei ihm gäbe es diese
Ware. Man solle auf keinen Fall bei einem anderen die Festtagsziege
kaufen.
In den
umliegenden größeren Dörfern finden Viehmärkte statt, auf denen die
Viehhändler die Tiere anbieten. Es wird gehandelt, gefeilscht, die
Tiere werden von allen Seiten betastet, um eventuelle Fehler zu
entdecken und um damit den Preis drücken zu können. Nach langem
Handeln einigt man sich auf umgerechnet etwa 200 Euro für eine ein-
bis zweijährige Ziege. Wer keinen Kleinlastwagen hat, transportiert
seine frisch erworbene Ziege dann im Kofferraum seines PKW stolz nach
Hause, um das Tier von den Familienangehörigen und den Nachbarn
sachverständig begutachten zu lassen. Der Kofferraumtransport kann für
Fremde sehr irritierend sein, denn wer z.B., an einer Ampel auf grün
wartet, wird mit Sicherheit aus dem Auto vor oder hinter einem und
von rechts und links ein Ziegengemeckere hören und sich wundern, dass
keine Ziege im Auto zu sehen ist. Man kann nur kopfschüttelnd
weiterfahren. Seltsame Hupen zur Zeit des Opferfestes in der Türkei.
Wer kein Auto besitzt, transportiert seine Ziege samt Ehefrau und
evtl. zwei Kindern auf dem Motorrad.
Das
Opferfest wird auch das „Große Fest“ genannt, da es im Vergleich mit
dem „kleinen Fest“ des Fastenbrechens nach dem Ramadan, der
Fastenzeit, als das bedeutendste gilt. Das Fest dauert drei Tage und
verschiebt sich von Jahr zu Jahr und wird jeweils um 10 oder 11 Tage
früher gefeiert. Geopfert wird meist ein männliches Schaf, möglich
sind aber auch Ziegen, Kühe und Kamele. Die Tiere müssen fehlerfrei
sein und die Opferungshandlung wird nach einem festgesetzten Ritus
vollzogen. Dabei wird das Tier mit dem Kopf in Richtung Mekka gelegt.
Dieses
Fest hat eine sehr alte mit dem Christentum, dem Islam und den Juden
gemeinsame Tradition, deren Ursprung sich auch im Alten Testament
nachlesen lässt. Das Opferfest ist das Fest „Abrahams“. Die islamische
Überlieferung verbindet sie mit Abraham, der im Tal Mina seinen Sohn
Ismael auf den Befehl Allahs hin zu opfern bereit gewesen sein soll.
Allah habe dann Ismael „mit einem großen Schlachtopfer“, so der Koran,
ausgelöst. Der Engel Gabriel habe als Ersatz für das Menschenopfer
einen Hammel als Opfertier gebracht.
Im Volksislam haben Tieropfer ihren
Platz auch z.B. bei Hochzeiten oder Begräbnissen, zur Besiegelung der
Versöhnung zwischen Menschen. Vielfach spielt dabei auch der Gedanke
mit, dass Tieropfer ein Mittel zur Reinigung von Schuld sein könnten.
Für die Kinder ist Kurban Bayramı
ein besonderes Ereignis. Am frühen Vormittag des Opfertages versammeln
sie sich mit kleineren oder auch größeren Taschen in den Händen, in
einem großen Kreis auf dem Schulhof und warten voller Freude auf die
Süßigkeiten, die dann auch bald von Männern in die Taschen gefüllt
werden.
Es sind
außer den Kindern nur Männer in auffallend guten Anzügen anwesend, die
sich gegenseitig ein „iyi bayramlar“, ein gutes Fest
wünschen. Zu Bayram, diesem großen Festtag, wird der
„Sonntagsanzug“ angezogen. Am Schuleingang hat ein Süßigkeitshändler
einen kleinen Stand aufgebaut und hofft auf ein gutes Geschäft.
Auch
der Brotmann, der wie immer jeden Morgen mit seinem Brotwagen
vorbeikam, hatte eine kleine Süßigkeit als Brotbeigabe für uns
mitgebracht. „iyi bayramlar“. Im Restaurant, im
Lebensmittelgeschäft, dem bakkal, wird man mit einem
großen mit Süßigkeiten gefüllten Tablett empfangen und dann heißt es
wieder „iyi bayramlar“.
Am
späten Vormittag war auch der Hoca, der Geistliche des
Dorfes, zu unserem Nachbarn gekommen, um die Schlachtung
vorzunehmen. Vielleicht hatte er sogar auch die amtliche
Bescheinigung, die ihn zum Schlachten berechtigte. . Er begrüßte
unseren Nachbarn mit „iyi bayramlar“, ließ sich das
Messer reichen. Dann zerschnitt er die Halsschlagader der Ziege, deren
Meckern tagelang zu hören war, und ließ das Tier ausbluten. Das Blut
lief in eine kleine Erdkuhle, die dann später wieder zugeschüttet
wurde. Beim Schächten sprach er die Formel: “Im Namen Allahs. Allah
ist groß. Allah, in Deinem Namen, durch Dich und für Dich. Nimm es von
mir an, wie Du es von Deinem Freund Abraham angenommen hast.“
Er
hatte es eilig, denn an diesem Morgen musste er nahezu von Haus zu
Haus fahren, um dort überall zu schlachten.
Nach
der islamischen Tradition wird ein Viertel des Fleisches an arme
Leute verschenkt, ein Viertel ist für Verwandte, ein Viertel für
Nachbarn und ein Viertel verzehrt dann die Familie selber.
In der ganzen Türkei sind
wohl wie hier zwischen 11.00 und 12.00 Uhr überall Männer damit
beschäftigt, Ziegen, Schafen und Kälbern das Fell abzuziehen und das
Fleisch zu verteilen. Wer soll bloß das viele Fleisch essen? Allein
die Nachbarn gegenüber haben zwei Ziegen geschlachtet.
Sie
sind zu viert. Für jeden also eine halbe Ziege?. „Nein, nein.
Es
kommen Freunde, Gäste und Verwandte“, wird mir auf meine Frage
geantwortet. Aber, so geht es mir durch den Kopf, die haben doch auch
alle ihre Ziegen oder sonst was geschlachtet und machen vielleicht
ihren Verdauungsspaziergang?
Nun: das übrig gebliebene Fleisch wird
–sofern es heutzutage nicht tiefgefroren werden kann- zu kavurma,
das Geschmorte, verarbeitet.
Dabei
wird das Fleisch solange geschmort, bis alle darin enthaltene
Flüssigkeit verdunstet ist.
So hält
es sich auch ohne Kühlung sehr lange und wird bei der Zubereitung von
Gemüse und Suppen mitverarbeitet. Es ist eine alte und sehr bewährte
Methode der Haltbarmachung.
Fortsetzung der Geschichte hier
zum
Inhaltsverzeichnis aller Geschichten
<<< back
| home >>>
|